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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Diverse

Une Messe pour la Saint-Michel & tous les saints anges

Freddy Eichelberger, Michel Godard, Ludus Modalis

Alpha/Note 1 ALP 514
(75 Min., 10/2004) 1 CD

Nach dem Hören dieser CD wundert man sich, warum man sich nicht früher gewundert hat. Denn was hier zum musikalischen Aha-Erlebnis wird, ist eine ästhetische Erfahrung, die man als kulturhistorisch interessierter Tourist ständig macht: Da will man beispielsweise eine Kirche aus der Gotik oder Romanik besichtigen und stellt fest, dass sie innen mit Kunstwerken aus späteren Epochen geschmückt ist: Barocken Altären oder Renaissancebildern etwa, die durchaus nicht von geringerer Qualität sein müssen. In den meisten Aufnahmen alter Kirchenmusik wird uns dagegen eine stilistische Reinheit vorgegaukelt, die es – und das zeigt diese Produktion - in der Praxis so überhaupt nicht gegeben hat. Diese Praxis wieder zu beleben, haben sich der Organist Freddy Eichelberger und seine Mitstreiter vorgenommen: Sie versuchen, in einer typisch französischen Kirche mit gotischem Äußeren und barocker Orgel eine Messe mit jenen musikalischen Mitteln zu feiern, wie sie im 17. Jahrhundert üblich waren. Das Ergebnis ist frappierend: Die ehrwürdige mittelalterliche Liturgie wird nämlich nicht allein von Priester und Choralschola vorgetragen, sondern im Wechsel mit dem Organisten. Der aber benutzt den Choral als Grundlage für Improvisationen im damals modernen Barockstil (Eichelberger orientiert sich am Stil des Lully-Verehrers d’Anglebert). Auch die gesungenen Verse bleiben nicht schmucklos: Zum einen teilen die Sänger ihre Parts immer wieder auf, um in einer simplen, noch aus dem Mittelalter stammenden Tradition der Mehrstimmgkeit mit einfachen parallelen Akkorden zu singen. Begleitet und improvisatorisch umspielt wird der Gesang vom Serpent, einem urtümlichen gewundenen Grifflochhorn mit Bassposaunenmundstück. Das Ganze wirkt wie eine rustikale Vorform von Jan Garbareks Jazz-Mittelaltercrossover, das hiermit eine völlig unerwartete historische Legitimation erhält. Ganz reichen Freddy Eichelberger mit seinen farbig registrierten Improvisationen und Michel Godard mit seinen Künsten auf dem düsteren Serpent zwar nicht ganz an Garbarek heran. Aber sie besitzen viel Einfallsreichtum, technisches Können und Fähigkeit zur mystischen Versenkung: genug, um die in zwei Nächten aufgenommene Messfeier auch rein künstlerisch zu einem bemerkenswerten Dokument zu machen.

Carsten Niemann, 10.09.2005



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