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Florent Schmitt

Salammbô

Orchester der Îl-de-France, Jacques Mercier

RCA /BMG 74321 733 952 4
(56 Min., 9/1991) 1 CD

Florent Schmitt fügt sich in keines unserer Bilder französischer Musikgeschichte. Er hielt es weder mit den Wagner-Enthusiasten noch mit dem Schwarm jener, die sich am Stil Debussys nährten. Nur in einem Punkt schwamm er im Strome der Mode: orientalische Themen bannten ihn ebenso wie Dukas oder Ravel, Roussel oder d'Indy. Schon 1907, noch vor Strauss, schuf Schmitt mit der "Tragédie de Salomé" nach Oscar Wilde eines der prunkvoll-glühendsten Orientbilder in der französischen Fin-de-siècle-Musik. Danach wurde Frankreich vom neuen Stil des "Feuervogel" und des "Sacre" erschüttert. Vielleicht niemandem gelang es wie Schmitt, dessen rhythmische und harmonische Energie mit dem Formsinn der französischen Tradition zu vereinen. Eindrucksvollster Ertrag dieser Verschmelzung ist die "Symphonie concertante", die ich unbedingt empfehlen kann (es gibt eine hervorragende Aufnahme bei Valois).
Schmitts frühe "Salomé" war eine Ballettmusik. "Salammbô", achtzehn Jahre später geschaffen, ist ursprünglich Begleitung eines aufwendigen Stummfilms nach Flauberts Roman. "Salammbô" ist in seiner grausamen Genauigkeit der Zentraltext der europäische Dekadenz, und seine exzessiven Bluträusche, sein in glänzendstem Stil kultivierte Barbarismus waren Schmitt Einladung zur Anhäufung krasser harmonischer Effekte. Schmitt hatte 1925 das Klanginventar Strawinskys derart gründlich aufgesogen, dass er den "Feuervogel" im ersten Bild fast wörtlich zitiert. Und doch hat diese entfesselte, glanzvolle Partitur ihre Längen, ist den gewichtigen Schöpfungen Schmitts aus den Zwanzigern nicht durchgehend ebenbürtig. Einige Passagen seien in Eile entstanden, man hört das durchaus, andere aber sind letzte Übersteigerungen jenes rauschhaften Klangbarbarismus, mit dem die alte Welt den Orient beschwor, bevor sie sich ihre eigenen Barbareien schuf.

Matthias Kornemann, 09.11.2000



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