Seit dem 18. Jahrhundert ist uns europäischen Musikfreunden eine gewisse Überfixierung auf das Genie einzelner Komponisten zur Gewohnheit geworden. Um so frischer wirken da Entdeckungen Alter Musik, die ihr Augenmerk entweder auf die Kunst der ausübenden Künstler, oder aber, wie hier, auf eine ganz bestimmte Aufführung richten: Denn so gewandt der in Palermo ansässige Komponist Bonaventura Rubino auch die Musiksprache seines Vorbilds Monteverdi adaptiert und popularisiert hat - seine volle Wirkung entfaltet diese Musik erst, wenn man sie sich im Rahmen jenes pompösen (Volks)Fests zur Verherrlichung der Krönung der unbefleckten Jungfrau vorstellt, zu dem Rubino 1644 einen Großteil seiner überlieferten vielchörigen Vesperpsalmen komponierte. Leider bleibt der Booklet-Kommentar höchst kursorisch; wer sich nicht genau in der katholischen Liturgie auskennt, muss sich den äußeren Ablauf der Feierlichkeiten anhand der Fotos oder mit Hilfe eigener Urlaubserinnerungen an italienische Marienprozessionen zurechtphantasieren. Zum Glück ist Gabriel Garrido, als Brasilianer ein Kenner urwüchsiger katholischer Riten, ein großartiger Maître des Plaisirs bei diesem rauschenden Fest zu Ehren der Madonna: Man lasse sich allein davon mitreißen, wie er im "Dixit Dominus" langsam die Emotion steigert, bis die Masse das "confregit in die irae suae reges" (Der Herr wird zerschmettern die Könige am Tag seines Zorns) in wirklich verzückter Extase herausschreit. Aber auch davon, wie sich die Energie dann doch noch in einem der vielen orgiastisch rollenden Bassmotive Rubinos sammelt, über dem dann die ausgesucht schönen Stimmen in unablässigem Wechsel wie Himmelsglocken oder verzückte Seraphim einsetzen.

Carsten Niemann, 04.10.2003



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