Wie sehr Aribert Reimann seinen "Lear" als Dietrich-Fischer-Dieskau-Oper konzipiert hat (das Stück geht auf eine Anregung des Sängers zurück), ist der nun wiederveröffentlichten Einspielung von 1978 mit Dieskau in der Titelrolle zu entnehmen: Diese Oper entfaltet ihr Brio, ihren Sog, ihre Faszination ganz von der Sprache, ihrem Rhythmus, eben von der Deklamation her, eine Kunst, die Fischer-Dieskau gerade für seine Muttersprache zur Vollendung gebracht hat. Die nuancierteste Abfärbung einzelner Silben, die Formung einer die Figur in jeder Situation scharf umreißenden Sprechmelodie gelingt dem Sänger-Genie hier mit einer Eindringlichkeit, die alle weiteren Gestalten des Stücks neben ihm verblassen lässt.
Nur zwei Protagonisten können neben dem titanisch wahnsinnigen König bestehen, den Fischer-Dieskau bis in die exzessive Selbstaufgabe hinein gestaltet: der Schauspieler Rolf Boysen als Narr, dessen Gesangssprechen die Diktion Lears ernüchtert spiegelt, und das die Sinne mit Virtuosität betäubende Bayrische Staatsorchester, das unter dem Dirigat von Gert Albrecht alle Fassetten des Irrsinns ausspielt: die irrlichternde Blech-Geste, den clusterreichen Ausbruch wie auch das geisterhafte Verstummen. Diese Shakespeare-Oper, die uns ohne modernisierende Verkleinerung das Drama als ein Heutiges nahebringt, zählt zu den großen Werken des 20. Jahrhunderts und wirkt in diesem epochalen Mitschnitt auch ohne Bühne.

Stefan Heßbrüggen, 15.06.2000



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