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Nikolaus Bruhns

Deutsche Kantaten

Cantus Cölln, Konrad Junghänel

HMF/Harmonia Mundi HMC 901752
(74 Min., 2/2001) 1 CD

"Die Zeit meines Abschieds ist vorhanden, ich habe einen guten Kampf gekämpfet": Die Worte dieses geistlichen Konzerts von Nikolaus Bruhns könnten als Motto für das kurze Leben des zweiunddreißigjährig verstorbenen Husumers taugen: sie bestätigen sich klingend. Unter Organisten gelten die Stücke des 1665 geborenen Ritters von Orgelempore und Komponistenpult als selbstverständliche Klassiker ihres Repertoires: dabei hat Bruhns doch nur fünf Orgelwerke hinterlassen.
Sein Vokalwerk ist ein klein wenig besser überliefert (immerhin sind zwölf Stücke auf uns gekommen), aber gemessen an ihrer Qualität sind diese Perlen geradezu jämmerlich unbekannt. Kenner haben zwar noch die packende Gesamteinspielung mit dem Ricercar Consort von 1989 im Ohr. Doch jetzt könnte Cantus Cölln wirkungsvoll nachhelfen, schließlich hat das Ensemble einen womöglich noch verkannteren deutschen Barockmeister wie Johann Rosenmüller ("ein Amphion seines Jahrhunderts", wie der Steinmetz ohne rot zu werden auf sein Grab meißeln konnte) erfolgreich ins Hörfeld der gewöhnlichen CD-Konsumenten gerückt.
Wieder zeigt sich, wie sehr dem Vokalensemble die Musik dieser Zeit liegt: Getragen von großer Noblesse des Zusammenklangs werden die Einzelwörter mit Lust ausgedeutet, ohne aus dem Zusammenhang herauszufallen oder in derber Plastizität die feierliche Grundhaltung zu zerstören. Die geradezu händelsch prägnanten, kernigen und frischen Motive ruhen sicher in den gelassen ausgesponnenen Sechzehntelfigurationen. (Der Einfluss auf Bach, der Bruhns Werke "geliebt und studiert" haben soll, wird dagegen gerne überbetont: Bruhns Genie bedurfte nicht der Innovation; als würdiger Lieblingsschüler Buxtehudes ist Bruhns viel besser beschrieben).
Der melancholischen Grundhaltung der Werke, die sich so innig mit der Vergänglichkeit befassen, als ahnte ihr Schöpfer seinen frühen Tod, kommt der Klangadel von Cantus Cölln zu Gute. Nur wenn Bruhns den Christenmenschen laut "Triumph" über Tod und Teufel schreien lässt, könnte das wohl mit etwas mehr lutherischem Biss geschehen. Wem die Perfektion des Ensembles schon immer etwas unheimlich war, der wird in den solistischen Passagen dieser Aufnahme mit gewisser Erleichterung Menschen von Fleisch und Blut erkennen: Wilfried Jochens hat einen Tenor wie flüssiges Silber, doch hoffentlich wird die Kraft, mit der er seine Spitzentöne angeht, nicht einmal unangenehm. Stephan Schreckenbergers körpererfüllender Ausnahmebass läuft in den instrumentalen Koloraturen gelegentlich etwas unrund: lässlich allerdings, wenn man weiß, dass Bruhns vermutlich für einen der besten Bassisten seiner Zeit schrieb.

Carsten Niemann, 18.04.2002



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