George Bernard Shaw sprach vom Komponisten Boito überspitzt als „von einem kultivierten, gebildeten Mann ohne angeborene musikalische Gaben, aber mit zehnmal soviel Geschmack und Kultur wie ein Musiker von nur gewöhnlicher Außergewöhnlichkeit." Ein hartes Urteil, doch lässt sich nicht leugnen, dass Boitos Partitur besonders beim fehlenden visuellen Eindruck Längen aufweist. Boito, Musikfreunden eher als Librettist für Verdi bekannt, wandelte Goethes Faust mit Sachverstand und viel Gespür für Dramatik in einen Opernstoff um, in dem er Schlüsselszenen aus beiden Teilen zu einer Folge von Einzelbildern bis hin zu Faustens Tod aneinanderreihte. Boitos Musiksprache erschließt sich nicht so leicht wie jene Verdis oder Puccinis. Sie offenbart sich eher in Details der Instrumentation, in der musikalischen Charakterisierung der Protagonisten und in einzelnen Szenen wie jener von Margheritas Tod und in Ensembles wie der Hexenfuge oder in der Schlussszene.
Riccardo Muti erweist sich in diesem Mitschnitt aus der Scala als Klangmagier, der Boitos Partitur betörende Klänge entlockt. Samuel Ramey scheint die dankbare Rolle des dämonischen Mefistofele geradezu auf den Leib geschrieben zu sein, und auch Vincenzo La Scola als lyrischer Faust und Michèle Crider in der Doppelrolle als Margherita und Helena werden den anspruchsvollen Partien gerecht. Der Preis für die Live-Spannung, die diese Aufnahme vermittelt, sind eingeschränkte Textverständlichkeit und ein etwas pauschales Klangbild.

Peter Overbeck, 30.03.1996



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Wie bringt man ein Gebäude zum Klingen? Péter Eötvös, prägende Figur der zeitgenössischen Musik, liefert für die Alhambra ein schillerndes Beispiel. Als Auftragskomposition für Pablo Heras-Casado und dessen Festival in Granada sowie der Geigerin Isabelle Faust auf das Instrument komponiert, vereint Eötvösʼ drittes Violinkonzert „Alhambra“ verschiedene musikalische Einflüsse und Stile. Da wäre zunächst der offenkundig spanisch-arabische, der sich etwa in der schattenhaft der […] mehr »


Top