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N° 1237
22. - 28.01.2022

nächste Aktualisierung
am 29.01.2022



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Progression - The Art Of Trio Vol. 5

Brad Mehldau

Warner Jazz 9362-48005-2
(9/2000) 2 CDs

Man muss keine sechzig sein, um als Altmeister zu gelten. Brad Mehldau, geboren 1970, zählte schon bevor er dreißig wurde, zu der kleinen Schar der ganz Großen, die in der Geschichte des Jazz tiefe Spuren hinterließen. Ein Schönspieler? Ein Weichling? Das behaupten nur jene, die sich von der eleganten Oberfläche eines Teils seiner Improvisationen einfangen lassen und nicht in deren Tiefe hören oder ihren Gehörgang nur dann auflassen, wenn der Pianist zart über die Tasten streichelt und die Ohren zuklappen, wenn er impulsiv, harsch, kantig in die Tasten greift.
Sein neues Trio-Album, mit der Ausnahme von "Folks Who Live On The Hill" und "It Might As Well Be Spring" live aufgenommen, zeigt beide Seiten Mehldaus. Wie sieht unser Leben aus? Mal sind wir entspannt, verträumt, zärtlich, mal wütend, bissig, von einem Panzer umgeben, und zwischendurch können wir auch hektisch, nervös, schwankend, verblüfft und verblüffend sein. Genau diese immense Bandbreite an Stimmungslagen spiegelt das Doppelalbum, an dem wie schon bei den Vorgängern der Folgen 1 bis 4 der hohen Kunst des Trios der Bassist Larry Grenadier und der Schlagzeuger Jorge Rossy beteiligt waren.
Diesmal gönnt sich Brad Mehldau etwas mehr Freiraum als früher für unbegleitete Solopassagen. Die haben's in sich! Verrückt, was er sich als Einleitung zu "Alone Together" einfallen lässt und dabei die Linke in einen wahnwitzigen Dialog mit der vor Gedankenfülle überbordenden Rechten schickt. Und wie zart er andererseits die Töne aus dem Instrument wehen lässt, zwar fest in ihrem Kern, aber doch so flüchtig, als habe sie ein Windhauch und kein Schlag auf die Saiten erzeugt.
An manchen Stellen wirkt das Doppelalbum aufgewühlter, zerrissener als seine Trio-Vorgänger, und an anderen schimmert eine eigenwillige Melancholie durch, die an Brad Mehldaus Solo-CD "Elegiac Cycle" erinnert. Nein, Mehldau ist nicht der Romantiker, als der er seit den Solo-Elegien hingestellt wird. Das verdeutlicht auch die Schlussnummer. Hier träumt er zwar eine Zeit lang der Melodie von "How Long Has This Been Going On" hinterher - aber kaum lässt sich der Hörer darauf ein, durchbricht er sie mit einigen Dissonanzen: Die Seifenblase ist - wie so oft - geplatzt, und die wohligen Gefühle haben sich mal in Luft aufgelöst.

Werner Stiefele, 13.09.2001



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