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Me Myself An Eye

Charles Mingus

Atlantic/Warner 75679 3068-2
(58 Min., 1/1978) 1 CD

Während Mingus' frühe Atlantic-Platten unzählige Male einzeln und auch als Box neu aufgelegt wurden, mussten die späten (1972-78) eine eher stiefmütterliche Behandlung erdulden. Gewiss, Mingus' Rolle als Jazzinnovator spiegelt sich in seinen Aufnahmen der Jahre 1955-65 wie in einem Brennglas. Und gesundheitliche Probleme machten ihm in den siebziger Jahren zunehmend unmöglich, seine Gruppen mit der alten Kraft anzuführen: Bei seinem letzten Studioaufenthalt an drei Januartagen des Jahres 1978 - also ein Jahr vor seinem Tod - überwachte er die Aufnahmen vom Rollstuhl aus, sein Hals wurde bereits von einem Stützkorsett gehalten. Folglich teilten sich zwei (brillante) Musiker - Eddie Gomez und George Mraz - die undankbare Aufgabe, in seine Rolle zu schlüpfen.
Doch die Unfähigkeit, seine Band zu leiten und auf Tournee zu gehen, setzte auch ungeahnte kompositorische Energien in Mingus frei: Außer den zwei bei dieser Gelegenheit festgehaltenen halbstündigen Titeln in großer Besetzung - "Something Like A Bird" und dem hier enthaltenen "Three Worlds Of Drums" - entstanden am Klavier, auf Papier oder Tonband eine Fülle von Skizzen, die seine Witwe Susan Graham postum nach und nach der "Mingus Dynasty" zur Verfügung stellte.
Für eine so egozentrisch "ich, ich und ich" rufende Produktion wundert es einen doch, dass der Mingussche Geist durch weitgehende Abwesenheit glänzt. Dem Arrangeur, Orchestrator und Mingus-Ghostwriter Jack Walrath oblag jene wenig dankbare Arbeit, die Mingus durch konzentrierte Probenarbeit weit überzeugender bewältigt hätte: Joe Chambers, Steve Gadd und Dannie Richmond (die außerdem von zwei Perkussionisten flankiert werden) sind jeder für sich grandiose Schlagwerker, aber ihre Soli lassen die merkwürdig formlosen "Drei Trommelwelten" noch mehr auf der Stelle treten.
Wozu Mike & Randy Brecker, Lee Konitz, George Coleman, Pepper Adams, Jimmy Knepper, Slide Hampton, Larry Coryell und viele weitere engagieren, wenn sie solistisch kaum zum Zuge kommen? Coryells elektrisches Feuer hatte im Jahr zuvor schon den Remakes von "Better Git It In Your Soul" und "Goodbye Pork Pie Hat" zumindest einen neuen Dreh gegeben. Trotzdem fehlt den längst für Atlantic eingespielten Klassikern "Devil Woman" und "Wednesday Night Prayer Meeting" der inspirierende Funke, der diese mit zu vielen, sich gegenseitig behindernden Musikern überladenen Fassungen über hitziges Jam-Session-Niveau angehoben hätte.
Da zu allem Überfluss noch die schönen Porträtfotos von der Vinyl-Ausgabe fehlen, halten wir uns für die späten Atlantic-Aufnahmen lieber an "Moves" (1973) und "Changes One & Two" (1974). Und wer gelungenen Mingus in großer Besetzung hören will, der greife zu "Let My Children Hear Music" (Columbia, 1971).

Mátyás Kiss, 21.11.2002



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