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Ludwig van Beethoven

Lieder

Dietrich Henschel, Michael Schäfer

harmonia mundi hmc 901801
(78 Min., 9/2002) 1 CD

Ludwig van Beethovens Klavierlieder sind für den Freund des romantischen Kunstliedes oft eine etwas trockene Angelegenheit, denn sie repräsentieren diese Gattung noch in der Übergangszeit vom musikalisch wenig differenzierten Strophenlied à la Berliner Schule zum genialen Miniatur-Kunstwerk, wie es von Franz Schubert kreiert wurde. Zahlreiche engagierte Aufnahmen dieser Lieder, u. a. von Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey und Fritz Wunderlich, haben an ihrer Nischen-Position nicht viel ändern können: Mit Ausnahme der beliebten "Adelaide" und der aufgrund ihrer zyklischen Gestalt interessanten "Fernen Geliebten" - die mit ihrer tiefen Tessitura sängerisch allerdings ein eher mühsames Unterfangen ist - fanden Beethovens Lieder, gemessen an der Beliebtheit Schubert'scher Gesänge, keinen allzu großen Freundeskreis.
Dietrich Henschels hervorragende Neueinspielung einer Auswahl des aus über 80 Liedern bestehenden Repertoires, geschickt kombiniert und durch drei Klavierstücke ergänzt, könnte einen wichtigen Beitrag zur breiteren Popularisierung Beethovens als Liedkomponist leisten: Obwohl sich Henschel und sein brillanter Begleiter Michael Schäfer gerade bei der "Adelaide" erstaunlich nüchtern und vorwärts gewandt präsentieren, leisten sie doch in sperrigeren Gesängen wie "An die Hoffnung" nach Tiedge oder über die Maßen bekannten Werken wie den "Sechs Liedern op. 48" auf Texte von Gellert Beachtliches. Abgesehen davon, dass Henschels prinzipiell flexible, wohltimbrierte Baritonstimme sich auf dieser CD deutlich besser im Lot befindet als vor kurzer Zeit bei seiner Korngold-CD, besticht sein Vortrag vor allem durch das sehr ausgewogene Verhältnis zwischen detaillierter Ausgestaltung des Textes und effektvoller Wahrnehmung der rein melodischen Optionen dieser Lieder. Das uralte Problem der optimalen Gewichtung dieser Parameter ist wahrlich nicht leicht zu lösen: Dietrich-Fischer-Dieskau- und Fritz-Wunderlich-Anhänger haben sich an dieser Frage unter anderem polarisiert. Mehr Aufnahmen wie diese würden wertvolle Dienste im Sinne einer Vermittlung zwischen den Gegensätzen leisten.

Michael Wersin, 05.07.2003



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