Responsive image

The Hollywood All-Star Sessions

Art Pepper

Galaxy/ZYX 5GCD-4431-2
(1979 - 1982) 5 CDs

In seinen vier letzten Lebensjahren (er starb 1982) machte Art Pepper so viele Aufnahmen wie niemals zuvor - er spürte wohl, dass er nach all den Exzessen, die er seinem Körper als junger Mann zugemutet hatte, nicht alt werden würde. Überdies hatte seine Frau Laurie (die er in einer Reha-Klinik kennengelernt hatte) die Karrierezügel in die Hand genommen und dafür gesorgt, dass er nicht allzuweit auf Abwege geriet und stets genügend Arbeit hatte. Solche zu finden, war nicht schwer, spielte er doch so gut wie nie zuvor.
Wer bislang glaubte, er hätte mit den monumentalen 16 CDs der "Complete Galaxy Recordings" das komplette Spätwerk im Regal stehen, sieht sich getäuscht. Parallel dazu nahm Pepper für den japanischen Markt sieben Platten mit dem Serientitel "... and His West Coast Friends" auf, die bei der kleinen Marke Atlas erschienen. Pepper hatte sich vertraglich verpflichtet, nirgendwoanders als Leader zu firmieren, auch wenn er es de facto war, also die Band zusammenstellte und das Repertoire auswählte. So wurde als Leader der jeweils prominenteste seiner Mitspieler genannt.
Dies waren, in zeitlicher Folge: Der Posaunist Bill Watrous, der Trompeter Jack Sheldon, der Pianist Pete Jolly, der Altist Sonny Stitt (auf zwei Platten), der Schlagzeuger Shelly Manne und schließlich noch der Altist Lee Konitz (ein geplantes Zusammentreffen mit Phil Woods kam nicht mehr zustande).
Alle Aufnahmen, für die jeweils zwei Tage zur Verfügung standen, fanden in den Sage & Sound Studios in Hollywood mit immer demselben Toningenieur statt, was für ein bei solchen Editionen ungewöhnlich einheitliches Klangbild sorgte. Schwierigkeiten habe ich jedoch mit dem flachen Sound von Art Peppers Lieblingsschlagzeuger Carl Burnett, der auf vier der sieben Sessions trommelt: Er klingt etwa so, als würde er auf Telefonbüchern herumklopfen anstatt auf Trommelfellen. Der Bassist Chuck Domanico ist immerhin noch auf drei Terminen vertreten, das restliche Personal - darunter Bob Cooper und Russ Freeman - wechselt.
Das Konzept des Produzenten war es, mit den noch greifbaren Repräsentanten des coolen Westküsten-Sounds der Fünfziger und vielen Stücken, wie sie damals gerne gespielt wurden, den Sound von vor fünfundwanzig, dreißig Jahren wieder aufleben zu lassen. Während die anderen Spieler sich meist widerstandslos für diese Nostalgieveranstaltung vereinnahmen lassen, spielt Art Pepper, der niemandem etwas beweisen müsste, ganz und gar nicht wie früher; er befindet sich vollständig in der Gegenwart.
Während die anderen den zutreffenden Eindruck vermitteln, als nähmen sie an einer Jam Session unter alten Freunden teil, wirkt Pepper paradoxerweise, als stünde er unter einem enormen emotionalen Druck: Sein Ton ist unversöhnlich und harsch, seine Attacke abrupt, die Phrasen durch lange Pausen aufgebrochen. Die Musik scheint sich in diesen spannungsvollen Momenten in ihm aufzustauen, um sich dann geradezu explosionsartig in sein Saxofon zu ergießen - als wäre durch den enormen Innendruck bloß gedachter Töne, die danach drängen, klingende Wirklichkeit zu werden, ein Damm gebrochen.
Interessanterweise ist eben dies Peppers Art, wahrhaftig und sich selbst treu zu bleiben und seiner Vision musikalischer Schönheit nachzujagen. Der Eindruck ästhetischer Schlüssigkeit stellt sich jedoch nur ein, wenn man berücksichtigt, dass es Harmonien verschiedener Ordnung gibt. Nicht umsonst wurde die Musik von Parker und Gillespie - unter anderem ihrer verminderten Akkorde wegen - anfangs als Chinesenmusik verunglimpft; Coltrane und Coleman gingen da noch einen Schritt weiter. Auch Pepper integrierte die klanglichen Neuerungen frei spielender Bläser dort in seinen alten Sound, wo es der Steigerung des Ausdrucks diente.
Angesichts traumatischer außermusikalischer Erfahrungen - er musste unter anderem den Verrückten spielen, um von seinen Knastbrüdern nicht behelligt zu werden - hätte Pepper unmöglich so klassisch ausgewogen musizieren können wie früher. Diese geradezu schmerzliche Authentizität hat immer wieder etwas vom sprichwörtlichen Aufschrei der geschundenen Kreatur. Sie macht eine Box, die ohne Art Peppers Mitwirkung als "Sideman" das Etikett "ganz nett" verdiente, zur wichtigen Veröffentlichung. Einen zusätzlicher Kaufanreiz bieten die detaillierten und psychologisch einfühlsamen Erinnerungen von Arts Witwe: Die sollte man als Ergänzung zur erschütternden Autobiografie "Straight Life" lesen, die 1978 endet.

Mátyás Kiss, 31.05.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ein paar vorgegebene Noten, aber auch viel frei Improvisiertes – fast wie im Jazz. Beschrieb Nils Mönkemeyer seinen neuen diskografischen Ausflug nach Italien jüngst im Radio. Und ja, wer sich etwa erinnert, was Patricia Kopatchinskaja dem Konzerte wie am Fließband produzierenden Antonio Vivaldi unlängst auf der Geige andichtete – zugeben deutlich radikaler, als Mönkemeyer hier vorgeht – fühlt sich darin bestätigt. Es gibt Spielraum. Nun ist Mönkemeyer Bratscher, begegnet also […] mehr »


Top