Man kann natürlich immer noch „die Neunte“ aufnehmen – allein um zu zeigen, wie sehr sich ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker seit der Frühzeit der Phonographie verändern kann. Claudio Abbado ist ja sozusagen ein „Enkel“ Furtwänglers, dessen Interpretation der letzten Beethoven-Sinfonie noch so richtig hehr und edel daherkam.
Wer noch keine „Neunte“ hat, hätte hier eine zeitgemäße Referenz-Aufnahme – wenn der Beiheft-Text auf demselben Niveau wäre wie die Interpretation. Den Leser erwartet ein Aufsatz Claudio Abbados, in dem er auf ein geringfügiges Leseproblem in der Partitur aufmerksam macht – und das nur, um zu sagen, daß er die entsprechende Stelle genauso auffasst wie fast die gesamte Musikwelt seit 1864!
Doch musikalisch zeigt Abbado unmissverständlich, wie es mit Beethoven und den Berlinern ins nächste Jahrtausend geht: Frisch und knackig rütteln die Fanfaren des Anfangs den Hörer auf, statt großem Pathos dominiert rhythmischer Drive, das Blech kommt ohne interpretatorischen Dämpfer seitens des Dirigenten zur Geltung. Im berühmten letzten Satz, in dem die Sänger- und Chorleistungen hervorzuheben sind, gelingt Abbado der große Bogen, indem er die verschiedenen Teile des Finales unter Vermeidung besonderer Kunstpausen aneinanderschweißt.

Oliver Buslau, 30.06.1996



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