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Richard Strauss

Eine Alpensinfonie

Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman

Arte Nova/BMG 74321 92779 2
(6 Min., 2/2002) 1 CD

Im Oktober 2000 habe ich an dieser Stelle eine Strauss-Aufnahme von David Zinman rezensiert und bei den Stücken "Aus Italien" und "Macbeth" Dramatik vermisst (siehe Rezension). Umso erstaunlicher, dass sich Zinman nun als Ehrenretter der meiner Meinung nach völlig grundlos geschmähten "Alpensinfonie" erweist.
Der Vorwurf, den viele gegen Richard Strauss' letzte Tondichtung erheben, lautet: pure Naturillustration, nur Effekt. Dass es in diesem Werk einen roten Faden auf psychologischer Ebene gibt, wird oft übersehen. Zinman hat ihn erkannt, verstanden und darauf seine sehr gute Interpretation aufgebaut. Hier und da gibt es zwar ein paar eigenwillige Ritardandi, man versteht nicht, warum der Zinman im Nachgewusel des Anfangs ausgerechnet die Fagotte deutlich nach vorne holt; beim "Eintritt in den Wald" vermisst man das Zischen des Tamtams (in Strauss' eigener Aufnahme sehr gut zu hören! - siehe Rezension).
Was Zinman jedoch gelingt, ist, den Charakter des Wanderers zum Helden zu machen. Schon die Überschriften legen die Fährte: Einige von ihnen ("Erscheinung", "Vision", "Elegie") deuten auf innere Erlebnisse des Helden, und so gestaltet Zinman den Gipfelsturm auch als menschliches Drama. Großartig die Leere, die im Moment des Sieges ("Auf dem Gipfel") erklingt; psychologisch ganz realistisch kommt die Freude erst später, und in ihr liegt der Keim für den Niedergang, den "Sturm", der in dieser Aufnahme den dramaturgischen Höhepunkt bildet und den "Abstieg" doppeldeutig begreift. Extremes Tempo und Dynamik sprechen hier eine deutliche Sprache.

Oliver Buslau, 18.07.2002



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