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Béla Bartók

Der wunderbare Mandarin, Tanzsuite, Vier Orchesterstücke

Nationalorchester von Lyon, David Robertson

HMF/Harmonia mundi HMC 901777
(75 Min., 4/2001, 10/2001) 1 CD

Dies sind filigrane, transparente Bartók-Interpretationen, die mehr wertvolle orchestrale Details hörbar werden lassen, als man sie sonst wahrnimmt. Etwas jedoch fehlt dieser Einspielung fast vollständig: jene dunkle Seite, die Bartóks Musik, selbst in scheinbar so folkloristisch heiter daherkommenden Werken wie der Tanzsuite, stets auch prägt. Dem tänzerischen Element eignet stets etwas Heidnisches, musikantischer Überschwang schlägt oft um in frenetischen Wirbel. Robertson hingegen begnügt sich damit, das instrumentale Geflecht analytisch offen zu legen.
Das gelingt ihm am überzeugendsten in den lyrischen Passagen, etwa dem vierten Satz der Tanzsuite sowie im Preludio und Intermezzo der Orchesterstücke. Doch gerade in den Orchesterstücken sollten auch andere Dimensionen zu Tage treten: die Vorahnungen der "Mandarin"-Partitur im Scherzo und der tragische Nachhall der "Blaubart"-Oper im abschließenden Trauermarsch. Hier klingt Robinsons Interpretation eindeutig zu zahm; dem finalen Zusammenbruch etwa fehlt jede kathartische Wirkung.
Es mag sein, dass Bartóks Musik in der Vergangenheit von einigen Interpreten allzu sehr auf agressive Motorik reduziert wurde. Wenigstens eine Spur davon würde ich mir jedoch im "Wunderbaren Mandarin" schon wünschen. Aber selbst in diesem Werk agiert Robinson mit angezogener Handbremse. Sein Mandarin leitet im Nebenberuf wahrscheinlich eine Benimmschule und kann daher in seiner Hauptfunktion - als Verkörperung zivilisationsferner Urkräfte - nur bedingt reüssieren. Wohlgemerkt, auch hier befindet sich alles am richtigen Platz, es gibt nur wenige Einspielungen des Werks, die das instrumentale Geflecht gewissenhafter auffächern. Nur ist das eben nicht genug.
Zum Trost präsentiert uns Robinson die Erstaufnahme der Urfassung des "Wunderbaren Mandarins", die vor einigen Jahren von Bartóks Sohn Péter anhand verschiedener Quellen rekonstruiert wurde. In ihr finden sich dreißig Takte, die in dieser Aufnahme erstmalig zu Gehör gelangen. Nicht, dass diese - wir finden sie im letzten Drittel der Partitur - nun völlig neue Dimensionen eröffneten, aber die Bekanntschaft lohnt sich durchaus.

Thomas Schulz, 22.08.2002



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