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N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



Im Festspielsommer 1952 war Klangmagier Herbert von Karajan zum zweiten und gleichzeitig schon zum letzten Mal auf dem Bayreuther Hügel zu erleben. Eine Menge Verwirrung und Ärger gab es in jenem Jahr um seinen "Tristan": Eigentlich wollte EMI einen Mitschnitt produzieren, aber Furtwänglers berühmte Einspielung derselben Oper erhielt Vorrang - eine Belastungsprobe für die Freundschaft Karajans mit dem EMI-Produzenten Walter Legge. Hinsichtlich der Inszenierung förderten Kompetenz-Streitigkeiten zwischen Wieland Wagner und dem Dirigenten des letzteren endgültigen Abzug aus Bayreuth. Und auch auf musikalischer Ebene verlief nicht alles reibungsfrei: Erst kurz vor der hier wiedergegebenen Premiere ließ sich der starrsinnige Karajan dazu bewegen, das Orchester wieder seine traditionelle Bayreuther Sitzordnung einnehmen zu lassen, die er zuvor zum Schrecken vieler Beteiligter modifiziert hatte. Und Ramón Vinay, der Darsteller des Tristan, soll aus Angst vor der übermächtigen Präsenz des Dirigenten eine Probe fluchtartig verlassen und sich außerhalb des Festspielgebäudes eine Weile versteckt gehalten haben.
Durch diese Probleme scheint der vorliegende Premieren-Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks nicht beeinträchtigt: Unter Karajans Leitung entsteht immer wieder eine dichte, spannungsreiche Atmosphäre, die auch den heutigen Hörer durchaus noch in den Bann ziehen kann. Unstimmigkeiten gibt es allerdings in puncto Qualität des Sängerensembles. Hans Hotters sängerische Umsetzung der Partie des Kurwenal scheint doch mehr als fragwürdig, denn es fehlt ihm das heldische Metall in der Höhe und außerdem die stimmliche Agilität und Flexibilität, die für ein überzeugendes Rollenporträt unabdingbar ist. Ramón Vinay überzeugt als Tristan allenfalls in den zerrissenen, gequälten Passagen des dritten Aktes, während seine oft sehr angestrengte, dem Legato tendenziell eher abholde Vortragsart etwa im großen Liebesduett wenig Freude macht. Als beglückend hingegen erweist sich über weite Strecken - wenn auch leider nicht unbedingt im finalen Liebestod - die feurige Martha Mödl in der Rolle der Isolde: Auf dem Höhepunkt ihres Könnens hatte sie ihre nicht unproblematische Stimme so gut unter Kontrolle, dass ihr volle Konzentration auf die Gestaltung möglich war. Wegen dieser großartigen darstellerischen Leistung lohnt sich vor allem die Beschaffung dieses historisch bedeutsamen Dokuments, aber ein wirklich in sich geschlossener "Tristan" kam 1952 - soweit die Konserve ein fundiertes Urteil zulässt - leider nicht zu Stande.

Michael Wersin, 27.03.2004



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