Der Otello brachte José Cura im Mai 1997 den Durchbruch: Seit seinem Turiner Debüt mit Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern gilt Cura als der Otello seiner Generation, als einziger im Umfeld tenoraler Leicht- und Mittelgewichte, der in der Lage wäre, in die Fußstapfen eines Ramon Vinay, Mario del Monaco und Placido Domingo zu treten. Der aus zwei Aufführungen kompilierte (und unnötigerweise auf zwei DVDs gestreckte) Mitschnitt vom Februar 2006 aus Barcelona zeigt allerdings, dass Cura diese Rolle in der Zwischenzeit wohl etwas zu oft gesungen hat: Schon das "Esultate" klingt matt und schlecht fokussiert, im Duett mit Desdemona zeigt er sich unfähig, die weichere Seite seines Helden zu zeigen. Auch wenn Cura vom zweiten Akt an stimmlich etwas in Schwung kommt, bleibt sein Otello fad: Pseudoveristische Schluchzer ersetzen echte Gestaltung. Dunkle Stimmfarbe und Latin-Lover-Optik reichen eben nicht aus, um die Seele eines verzweifelten Menschen zu zeigen. Auch sonst lässt dieser "Otello" kalt: Lado Ataneli ist ein Jago ohne jegliche Dämonie, Krassimira Stoyanova eine gesunde, aber gleichgültige Desdemona, Antoni Ros-Marba fällt am Pult immerhin nicht negativ auf. Und von den Möglichkeiten, die Willy Deckers eigentlich recht geschmackvoll stilisierte Inszenierung zu psychologischer Feinzeichnung einräumt, nimmt ohnehin keiner Notiz.

Jörg Königsdorf, 12.05.2007



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