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Peter Iljitsch Tschaikowski

Sämtliche Werke für Klavier und Orchester in der Urfassung

Andrej Hoteev, Tschaikowsky Sinfonieorchester Moskau, Wladimir Fedosejew

Koch 364 89-2
3 CDs

Müssen wir unser Tschaikowski-Bild korrigieren? Der russische Musikwissenschaftler und Pianist Andrej Hoteev hat in jahrelanger Archivarbeit die ursprünglichen Fassungen von dessen Kompositionen für Klavier und Orchester wiederhergestellt. Es gab viel zu revidieren. Tschaikowski hatte “Freunde”, die ihm allzu viele Ratschläge erteilten und oft genug in die späteren Editionen der Werke eingriffen. Anton Rubinstein vernichtete das erste Konzert, als es der junge Tschaikowski ihm vorspielte, mit Worten wie “abgedroschen, wertlos, unspielbar.”
Tschaikowski ließ sich indes nicht beirren, und der Erfolg gab ihm recht. Doch seltsamerweise erschien kurz nach seinem Tod eine Neuausgabe mit zahlreichen “Verbesserungen”, die auf den Liszt-Schüler Alexander Siloti zurückgehen. Hoteev hat nun, Tschaikowskis Handpartituren folgend, die besonders die Tempi verändernden “Silotismen” aufgespürt. Anhand ausführlicher Texte in den Beiheften kann man nun dynamischen Abwandlungen und verlorenen Takten nachlauschen. Und die neue interpretatorische Generallinie? Ganz vereinfacht: Alles war zu schnell, zu unstet in den Tempi bisher. Und so braucht Hoteev in den beiden Konzerten in b-Moll und G-Dur jeweils acht bis zehn Minuten mehr als das Gros.
Nun ist eine Urtexterstellung alle Ehren wert - daraus ein klingendes Plädoyer entstehen zu lassen ist eine andere Sache. Eine Entdeckung des Bedächtigen, Poetischen über die Langsamkeit will zart erspürt sein. Doch was Hoteev vorführt, ist, gerade im ersten Konzert, reichlich schwerfällig für einen lichten Gegenentwurf. Ihm fehlt pianistische Leichtigkeit, klangliches Raffinement. Der Braten bleibt einfach länger im Ofen und wird zäh. Und dennoch ist Hoteevs Weg gangbar, es gibt diese lyrische Anti-Deutung längst, nämlich die Aufnahme mit Conrad Hansen unter Mengelberg (1940). Ihr eignet jene irritierend ungewohnte Schwerelosigkeit, wie sie Tschaikowski (und seinem Retter) vielleicht vorschwebte.
Auch beim zweiten Konzert werden mit der Neuedition Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen kann. Es ist nämlich keinesfalls richtig, wie es im sonst exzellenten Beiheft heißt, dass die berüchtigte Siloti-Fassung, die den zweiten Satz von 330 auf 140 Takte verstümmelte, noch so allbeherrschend ist. Zwei Aufnahmen der letzten Jahre, Glemser und Leonskaja, bieten die ungekürzte Version. In den Ecksätzen begegnen wir erneut breiten Tempi. Augenblicke wie der herrliche Dialog zwischen Piano und Soloflöte in der Kopfsatzexposition blühen dabei auf, doch in den akkordischen Wuchtpassagen scheint der Versuch einer Poetisierung pianistischer Bizepsarbeit fragwürdig.
Das Auswalzen von stellenweise nicht so zündendem Material lässt es eher banal erscheinen, als wenn es im Sturmangriff dargeboten wird. Spielt das Bernd Glemser, ist eine wilde Jagd, was sich bei Hoteev als müde Sequenzenreihung daherschleppt. Für eine Gegendeutung fehlen Hoteev die Farben auf seiner pianistischen Palette.
Und wenn die Edition die Fantaisie de Concert op. 56 als gleichwertiges Klavierkonzert preist, muss man bei aller Liebe die ersten beiden Konzerte gegen diese Gleichstellung in Schutz nehmen. Über die mit den von Tanejew vervollständigten Sätzen dargebotene Fassung des dritten Konzerts schließlich mögen die Fachleute urteilen. Mir scheint, es ist zu Recht weniger bekannt, zu Recht teilweise vom Komponisten verworfen - mithin ein Gegenstand der Tschaikowski-Philologie und der Liebhaber sowieso. Der Weg zum neuen Tschaikowski ist ausgesteckt; nun müssen Virtuosen kommen und etwas daraus machen.

Matthias Kornemann, 31.05.1998



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