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The Complete Prestige Recordings

Eric Dolphy

Prestige/ZYX PRCD-4418-2
9 CDs

Weit und breit ist kein Jubiläum in Sicht – und trotzdem gibt es jetzt eine Gesamtausgabe aller Aufnahmen, die Eric Dolphy (1928-1964) 1960/61 für das unabhängige Label Prestige einspielte. Unabhängigkeit, das bedeutete auch damals knappe Mittel, d. h. die Aufnahmen für eine LP mussten innerhalb eines Tages im Kasten sein, und an Proben (gar bezahlte) war sowieso nicht zu denken. Dafür trafen sich im Wohnzimmerstudio Rudy van Gelders – oft morgens, direkt im Anschluss an ein Engagement – die weitgehend gleichen Musiker in immer neuen Kombinationen, so dass der jeweilige Leader wusste, was er seinen Begleitern abverlangen konnte.
Eric Dolphy war ein Grenzgänger zwischen den Instrumenten – er beherrschte durch eine lebenslange eiserne Übedisziplin gleich drei mit furchteinflößender Perfektion: Altsaxofon (sein Hauptinstrument), Querflöte (die er vom seichten Herbie-Mann-Image befreite) und die knorrige Bassklarinette, die sich erst durch ihn einen vollgültigen Platz im Jazz eroberte. Auf allen dreien war er sofort zu identifizieren: Sein Spiel zeichnete sich aus durch weite Intervallsprünge, ausgeprägten Sprachcharakter und eine zwar vorhandene, aber durch den Einsatz vieler Dissonanzen nur schwer nachvollziehbare Tonalität. Gerade der letzte Aspekt macht ein längeres Hören bis heute anstrengend und erklärt, weshalb es Dolphy immer schwer hatte, Engagements zu bekommen und eine Band zusammenzuhalten.
Um so mehr ist es zu begrüßen, dass Neuem gegenüber aufgeschlossene Plattenproduzenten und ähnlich orientierte Kollegen – wie George Russell, Gunther Schuller oder Ornette Coleman – Dolphys Bedeutung früh erkannten und ihn nach Kräften als Solisten herausstellten, was er nicht zuletzt seinem sympathischen Wesen verdankte: Als Dolphy starb, war sein engster Freund John Coltrane so erschüttert, dass er monatelang kein Instrument mehr anfasste. Neben Trane hatten noch Chico Hamilton und John Lewis, vor allem aber sein großer Bewunderer Charles Mingus die Dienste Dolphys wiederholt in Anspruch genommen.
Dolphy war jedoch auch ein Grenzgänger zwischen den musikalischen Idiomen – zwischen den Genres des Jazz und der modernen Klassik genauso wie zwischen den verschiedenen Jazzstilen, wofür diese Aufnahmen aus seiner produktivsten Zeit der beste Beleg sind: Mit den karibisch beeinflussten Rhythmen des „Latin Jazz Quintet“ kam er ebenso gut zurecht wie mit den Big-Band-Arrangements, die Oliver Nelson für Eddie „Lockjaw“ Davis anfertigte. Die beiden hier enthaltenen, durchweg fulminanten Nelson-Platten in kleinerer Besetzung („Straight Ahead“ und „Screamin’ The Blues“), dokumentieren Dolphys sicheres Standbein im Rhythm ’n’ Blues.
Manche Musiker hat Dolphy aus gutem Grund immer wieder eingesetzt: die zu Unrecht vernachlässigten Pianisten Jaki Byard und Richard Wyands, den Bassisten George Duvivier, den Drummer Roy Haynes sowie Ron Carter, der sich wie Oscar Pettiford und Fred Katz am gezupften und gestrichenen Cello versucht. Außer mit Carter („Where“, „Out There“) hat Dolphy seine wohl am stärksten in die Zukunft weisenden Aufnahmen mit dem Trompeter Booker Little („Far Cry“) und dem Pianisten Mal Waldron („The Quest“) gemacht – bzw. mit beiden zusammen („At The Five Spot“): Die drei nahmen an einem Abend – mit Richard Davis und Coleman-Drummer Ed Blackwell – genug Musik für drei erstklassige LPs auf (leider reichte das Geld nicht auch noch für einen Klavierstimmer).
Die Sammlung endet zwar mit einer Antiklimax, was die skandinavischen Mi(e)tmusikanten angeht, nicht aber im Hinblick auf Dolphy selbst: Er führte hier nämlich noch einmal exemplarisch vor, wie tief er in der Charlie-Parker-Tradition verwurzelt war. Aber auch die beste aller seiner Versionen von „God Bless The Child“ (für Bassklarinette solo) stammt aus dem Kopenhagener Konzert. Kaum drei Jahre waren ihm da noch vergönnt, bis eine nicht rechtzeitig erkannte Zuckerkrankheit seinem Leben in Berlin ein vorzeitiges Ende setzte.

Mátyás Kiss, 31.03.1996



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