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Sergei Rachmaninow

Cellosonate g-Moll op. 19 u.a.

Toels Svane, Elena Margolina

Ars Produktion FCD 368 410
(78 Min., 5/2001) 1 CD

Der große, leider fast vergessene französische Pianist Marcel Ciampi erzählte einem seiner Schüler einmal folgende Geschichte. 1920 sei er von seinem Cellopartner gebeten worden, ins mondäne Hotel "Princesse" in Paris zu kommen um die Cellosonate Rachmaninows zu spielen, und zwar für die Sängerin Mary Garden, Debussys Uraufführungs-Mélisande. Kurios schon dies. Debussy wird im Grabe rotiert haben. Ausgerechnet Rachmaninow!
Der Salon, in dem das Duo unentschlossen wartete, war leer. Da drang ein gemurmeltes "anfangen" aus dem Schlafzimmer. "Am Ende kamen Mary Garden und ihr großartiger britischer Admiral aus dem Schlafzimmer, beglückwünschten uns zu unser Aufführung und bewirteten uns mit Champagner. Dreißig Minuten hatten wir für die Sonate gebraucht - genau soviel Zeit, wie die beiden gebraucht hatten, sich zu lieben".
Eine rezeptionsgeschichtlich vielsagende Episode. Erstens waren Ciampi und Partner sehr flott, und zweitens schien das Werk schon damals die Aura des aufreizend Parfümierten zu verbreiten. Hört man jüngere Fassungen auf CD, hat sich daran wenig geändert. Den etwas asiatischen, laschen Geist schwüler Berückung haben die allermeisten Interpretationen bewahrt, auch wenn man Pärchen mittlerweile etwas mehr als dreißig Minuten gewährt.
Der Cellist Truls Svane und die Pianistin Elena Margolina aber wollen da nicht mitmachen. In überraschenden vierzig Minuten wagen sie einen sehr nachdenklichen Gegenentwurf. Als stimulierendes Hintergrundsäuseln eignen sich die interessanten Längen ihrer g-Moll-Sonate kaum mehr. Dazu wecken die beiden von Anfang an zu viele unterschwellige Gegenläufigkeiten, die den warmen, scheinbar unaufhaltsamen Strom hemmen. Schon im ersten Takt des "Allegro moderato" bremst ein skeptisches Ritardando den Aufbruch aus der Lento-Klage. Ein kleines Wunder kultivierten Zusammenspiels ist das Seitenthema, das Margolina ins zarteste pp zurücknimmt, und nach einem kurzen, geradezu fragenden Innehalt kommt ein wahrlich hinreißender Mezza-voce-Einsatz des Cellisten.
So ziehen sie sacht, aber beharrlich unser Interesse in dieses atmende, vielgliedrige Themengebilde, weg vom oft so schwülstig wabernden Nachsatz, jene oft triefig-larmoyant abwärts gleitende Figur, die in vielen Interpretationen zum Hauptereignis des Kopfsatzes wächst. Doch diese Umwertung ins Zögerliche, gar nicht so schmachtend Selbstgewisse, sie klingt nicht spröde oder gewollt, viel zu herrlich singt Svane das Andante-Thema oder die lyrischen Seitengedanken des Scherzandos. Doch gibt es eben auch immer wieder ruppig-expressive Einwürfe, die uns behagliches Einkuscheln untersagen. Dies Spiel hat Relief!
Ein Schwarm von Arrangements umkreist gefällig die nobilitierte Sonate, sodass diese hörenswerte Produktion auf 78 Minuten wächst. Nur Champagner hätte dies Duo von Frau Garden wohl nicht bekommen.

Matthias Kornemann, 12.12.2002



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