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Sergei Rachmaninow

Das komplette Klavierwerk

Idil Biret, Polnisches Radio-Sinfonieorchester, Antoni Wit

Naxos 7 30099 10052 6
(1989 - 1998) 10 CDs

Nach zehnjähriger Arbeit ist Idil Birets Rachmaninow-Einspielung nun vollendet. Einige dieser Aufnahmen haben längst verdiente Anerkennung gefunden. Idil Biret war niemals eine Pianistin, die uns mit großer, effektheischender Virtuosengeste einfangen wollte. Schwerlich wird einem ein Künstler einfallen, der sich mehr Objektivität aufnötigen würde, um sich für die teilweise ausgesprochen subtile Struktur von Rachmaninows Musik einzusetzen.
Ein Musterbeispiel für ihre umfassende, ernsthafte Rachmaninow-Rehabilitierung ist die heikle, eigentlich immer unbefriedigend zerwühlt wirkende erste Sonate in d-Moll. Hier offenbart sich besonders krass jener Widerspruch, der jedem Interpreten bei Rachmaninow begegnet. Die motorische Attacke, die nötig ist, diese vollgriffigen Sätze ins Leben zu rufen, überdeckt allzu rasch jene Strukturen, die erkennen lassen, dass Rachmaninow mehr war als ein Schöpfer massiger Schaustücke.
Erinnert man sich der pianistisch überwältigenden Fassung von Alexis Weissenberg, kommt einem die überrollende Notenflut eines hypertrophen Satzes in den Sinn. Doch wer käme in diesem Orkan auf die Idee, dass sich Rachmaninow hier vom Faust-Stoff inspirieren ließ? Idil Biret aber opfert ein Gutteil brausender Bewegung, hebt das motivische Geschehen besonnen heraus und verschafft uns Eingang in diese maßlose Musik. Aber niemals kommt der Verdacht auf, sie müsse sich bremsen, weil sie nicht fulminanter zulangen könnte.
Die zierliche Pianistin hat einen voluminösen Ton und ein herrisches Fortissimo. Im B-Dur-Präludium (op. 23/2) kann sie durchaus gegen die Donnergötter bestehen. Aber wuchtige Virtuosen-Theatralik liegt ihrem fast nüchternen Geschmack nicht. Darum sind viele ihrer Deutungen nicht überwältigend entfesselt, ordnen aber in spröder Hintergründigkeit die Strukturen. Das bewundernswerte kontrapunktische Geflecht der zweiten Sonate etwa wird von einer bestimmten Geschwindigkeit an unhörbar. Doch noch in solch wüsten Landschaften wie der Durchführung des ersten Satzes gelingt es Idil Biret, die kunstvolle kontrapunktische Behandlung des Hauptthemas inmitten donnernder akkordischer Bergrutsche vorzuführen.
Am stärksten finde ich Idil Biret in den zwei Bänden der "Etudes tableaux" (1989 eingespielt). Hören Sie einmal die letzte Etüde des ersten Heftes in cis-Moll. Ich kenne keine Aufnahme, in der das Dröhnen eines prächtig düsteren Abgrundes und die sarkastische Schärfe, mit der Rachmaninow hier Prokofjew vorausahnt, so packend nebeneinandergestellt werden.

Matthias Kornemann, 22.03.2001



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