Die Briten geben sich ja gemeinhin nicht als besonders weinerlich (Always keep up a stiff upper lip!), aber das hat sie nicht daran hindern können, eine eigene Tradition des musikalischen Lamentos zu begründen, die hier präsentiert wird. Benjamin Britten macht Dowland und Purcell durch Bearbeitungen und freie Fantasien noch populärer (so etwa in den Titel gebenden "Lachrymae" op. 48a über zwei Themen von Dowland für Viola und Streichorchester). Ralph Vaughan Williams erweist Thomas Tallis in seiner großartigen Fantasia seine Referenz und erfindet die alte Tudor-Mehrchörigkeit aus dem Geist des reinen Streicherklangs neu. An ihn wiederum knüpft der 1998 verstorbene Michael Tippett mit seiner Corelli-Fantasie an, während Arvo Pärt (gleichsam der Gastkomponist der CD) in seinem Britten gewidmeten Cantus dem Sinn des britischen Publikums für keltisch nebligen Mystizismus ebenso entgegenkommt wie seiner Offenheit für hörbar traditionsgebundene Moderne.
Um eine bunte Hörerschaft über 70 Minuten durch ein Tal der Tränen zu führen, braucht es allerdings mehr, als ein Geflecht von Bezügen. Es bedürfte der bedingungslosen Hingabe an den Affekt der Trauer (eine immense emotionale Herausforderung, zumal bei einer Live-Aufnahme wie dieser), der Mut zum großen filmmusikalischen Gefühl (er flackert in Passagen aus Waltons Musik zu "Henry V" und Stokowskis Bearbeitung von Purcells Lamento aus "Dido" auf), oder aber scharf gezeichnete Kontraste zwischen den Programmteilen (sie müssten bei drei unterschiedlichen Leitern möglich sein). Ein so deutliches Konzept fehlt jedoch. So bleibt das, was ein faszinierendes Projekt hätte werden können, trotz sauberer Technik eine nur oberflächlich berührende Kompilation wichtigerer und teils populärer britischer Streichorchesterwerke.

Carsten Niemann, 26.06.2004



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