Obwohl es fraglos Vordringlicheres gäbe, als eine populäre Oper wie „La Bohème“ erneut aufzunehmen – zumal der Decca-Katalog über eine Aufnahme verfügt, die Referenzstatus besitzt (Karajan, Pavarotti, Freni) –, muss man einräumen, dass die Neuproduktion rundherum gelungen ist. Riccardo Chailly verwendete hierfür die von Francesco Degrada neu edierte Partitur, die zwar kaum nennenswerte Veränderungen des eigentlichen Notentextes erbrachte, dafür umso mehr jene Aufführungsbestimmungen wieder zu Tage förderte, über die sich im Laufe der Jahrzehnte die Patina einer gedankenlosen Tradition gelegt hat.
So erfahren bei Chailly die Tempoangaben eine genauere Beachtung; manches wird rascher genommen als sonst üblich, während die lyrischen Partien, etwa der zweite Teil des ersten Bildes, nachdrücklich ausmusiziert werden. Besonderes Augenmerk richtet Chailly, dem ein hervorragend disponiertes Orchester zur Verfügung steht, auf die dynamischen Abstufungen ebenso wie auf die unterschiedlichen Arten des Sprechgesanges, was dazu führt, dass die Musik „atmet“.
Angela Gheorghiu und Roberto Alagna, hier optimal eingesetzt, vermitteln ein Höchstmaß an Emotionen und bringen offensichtlich ihre aus vielen gemeinsamen Bühnenauftritten resultierenden „Bohème“-Erfahrungen ein. Einen temperamentvollen Marcello verkörpert Simon Keenlyside, während Elisabetta Scano mit ihrer flexiblen Stimme ein effektvolles Bild der leichtfertigen und koketten Musetta entwirft.

Norbert Christen, 30.04.1999



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