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Charles Koechlin

Les heures persanes op. 65

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Heinz Holliger

Hänssler/Naxos 93.125
(58 Min., 1/2004) 1 CD

Die Kollegen, allen voran Debussy, schätzten ihn sehr, den Komponisten ebenso wie den klangexperimentellen Verfasser eines vierbändigen "Traité de l‘orchestration". Einem breiteren Publikum aber blieb der 1867 in Paris geborene, 1950 verstorbene Charles Koechlin (dessen Name seiner elsässische Herkunft wegen "Kéklin" ausgesprochen wird) bis in unsere Gegenwart hinein weitgehend unbekannt. Viele seiner gut 200 Werke sind noch nicht einmal gedruckt.
Der wichtigste Grund liegt in der Eigenwilligkeit von Koechlins zeitlich wie stilistisch kaum einzuordnender Musiksprache, die viel mit modalen Skalen operiert, zwischen Poly- und Atonalität changiert und darin nicht leicht zu konsumieren ist. Bewundernd spricht der 25 Jahre jüngere Traditionsverächter Milhaud von Koechlin als einem "Zauberer, der der Generation nach mir angehören könnte" - was um so mehr erstaunt, bedenkt man, dass Koechlin sein Studium noch bei Massenet und Fauré begann. Dass er über viele Jahre hinweg gleichzeitig an verschiedenen Werken feilte, machte deren Rezeption auch nicht einfacher. So blieb dem 80-Jährigen rück- und vorwärtsblickend nur die Hoffnung auf die Nachwelt.
Heinz Holliger dürfte mit den jetzt eingespielten "Persischen Stunden" im Rahmen seines preisgekrönten Stuttgarter Koechlin-Zyklus den Grundstein dafür legen. Zu dieser 16-teiligen, zwischen 1913 und 1919 als Klaviersuite konzipierten, 1921 instrumentierten musikalischen Reise durch Persien mitsamt Karawanen, orientalischem Basar, Zauberschlössern, Derwischen und Flaschengeistern ließ sich Koechlin neben den Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht" vor allem durch Pierre Lotis Reisetagebuch "Vers Ispahan" von 1904 anregen.
Die klangfarbliche Imaginationskraft nimmt von Anfang an gefangen, auch wenn das unvorbereitete Ohr die Klänge zunächst als seltsam konturlos und suchend wahrnimmt. (Selbstredend fehlen oberflächliche Orientalismen). Beim weiteren Hören aber zeigt sich nicht nur manche Verwandtschaft zu Debussy und Messiaen (und Rimskij-Korsakows "Scheherazade"); man staunt auch zunehmend über die subtile Art, wie hier Klangschichten und -Linien ineinander gefügt wurden. Zwar gibt es auch grell-laute Passagen - etwa zur Illustration des orientalischen Straßenlärms; doch Koechlins eigentliches Genie entfaltet sich in der Sphäre der Ruhe, der Mittagshitze, der Traum-Imaginationen, des Visionären und vor allem der Nacht und des Mondscheins. Hier wird so nuancenreich wie bei kaum einem anderen modelliert und differenziert zwischen dem Flirrenden, Sphärisch-Geheimnisvollen und dem Bedrohlichen. Holliger, der als komponierender Dirigent genau Bescheid weiß um die Subtilität der Koechlin'schen Klang-"Chemikalien", bringt diese, befördert durch eine exzellente Aufnahmetechnik, mit bewunderungswürdiger Transparenz und Tiefenschärfe zu Gehör. Ob seine mustergültige Aufnahme dem Werk endlich auch den Weg in den Konzertbetrieb ebnet, wird sich zeigen. Verdient hätten es diese "Persischen Stunden" allemal.

Christoph Braun, 25.03.2006



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