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Joseph Haydn

Sinfonien Nr. 88 und 89, Sinfonia concertante B-Dur

Orchester des 18. Jahrhunderts, Frans Brüggen

Philips 462 602-2
(62 Min., 11/1988, 6/1996, 2/1997) 1 CD

Nirgendwo anders lässt Unterhaltungs-Musik in so tiefe Abgründe blicken wie bei Haydn. Dabei wirken die Irritationen, die seinen Werken einkomponiert sind, zunächst nur wie launige Spielchen eines versierten Tonsatz-Handwerkers mit der Materie; schwindeln macht das Ganze erst, wenn man spürt, welch anarchistische Qualität das Unerwartete entwickeln und mit welcher Kraft es an den Grundfesten des schönen Ebenmaßes rütteln kann.
Bei Frans Brüggen und dem Orchester des 18. Jahrhunderts ist Joseph Haydn ein geradezu militanter Anarchist. Und das nicht nur in der mit harmonischen Abseitigkeiten, unerwarteten solistischen Einwürfen, instrumentatorischer Perfidie und Unterbrechungen des melodischen Ebenmaßes reichlich bestückten 88., sondern auch in der 89. Sinfonie, die gemeinhin für weniger qualitätvoll gehalten wird.
Wer das behauptet, kann Brüggen nicht gehört haben. Zumal der letzte (Rondo-)Satz treibt ein ziemlich übles Spiel mit den Erwartungen der Zuhörer: Immer wieder lässt er Hintergründiges ahnen, und immer wieder zieht er sich blitzartig hinter die Fassade propperer Regelhaftigkeit zurück. Dass die Musiker des Orchesters mit hinreißender Virtuosität spielen, macht allein Brüggens Idee, angedachte Extreme im Exzess auszuleben, überhaupt ausführbar: Da werden Generalpausen und Fermaten gelängt, Rallentandi bis ins kaum mehr Gangbare verlangsamt, Schnitte schärfer, Einwürfe widersprüchlicher, Akzente kantiger - kurzum: Das Orchester tut alles, um den Motivationszusammenhang des musikalischen Flusses nachhaltig zu unterminieren. Macht das Spaß!

Susanne Benda, 13.04.2000



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