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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Alfred Schnittke, Valentin Silvestrov, Dmitri Schostakowitsch

„Outcast“

Matangi Quartett

Matangi/hm-Bertus MTM 04
(69 Min., 7/2021)

Valentin Silvestrov (geboren 1937) ist der jüngste, gleichzeitig der einzige noch lebende Komponist des hier repräsentierten ehemals sowjetrussischen Dreigestirns. Jeder der drei hat seine eigenen Erfahrungen mit staatlicher Repression, Bevormundung und Verfolgung gemacht. Mehr noch: der Ukrainer Valentin Silvestrov ist gleichzeitig Zeuge des gegenwärtigen kriegerischen Einfalls der russischen Armee in seine Heimat, er musste gegen seinen Willen diese Heimat verlassen und lebt gegenwärtig in Deutschland. Anfang Mai wohnte er einer Aufführung seiner Werke in St. Gallen bei und setzte sich in diesem Konzert spontan ans Klavier, u. a. um eine ganz neue, auf der Flucht entstandene Komposition zu spielen, die unter dem Eindruck der Massaker von Butscha entstanden ist. Diese Aktualität künstlerischen Schaffens mag als Anknüpfungspunkt für das Erleben dieses Albums dienen – zumal Silvestrov die Ansicht vertritt, alle Musik sei ohnehin schon komponiert bzw. geschaffen, der Komponist sei nur ein sorgsam Lauschender, letztendlich ein Vermittler. Jeder der hier vertretenen Komponisten bewältigte das Spannungsfeld zwischen Tradition und Avantgarde auf seine eigene Weise. Für alle hatte dieses Spannungsfeld auch eine politische und damit mit Blick auf ihre Herkunft auch eine existentielle Dimension. Die Musizierenden des Matangi Quartetts nähern sich der „Neo-Romantik“ Silvestrovs und der Zitate-basierten Retrospektivität Alfred Schnittkes ebenso liebevoll und detailversessen wie der überbordenden, oftmals hochvirtuos angespannten Expressivität Dmitri Schostakowitschs. Sie machen die je eigenständigen musikalischen Idiome der drei Komponisten zu einer faszinierenden Erfahrung von unmittelbarer Aussage-Bedürftigkeit und -Mächtigkeit, deren zum Aufnahmezeitpunkt noch nicht absehbarer brandaktueller Bezug umso begieriger und sehnsüchtiger zuhören lässt. Diese Aufnahme ist sowohl kompositorisch wie auch interpretatorisch ein glühend leidenschaftlicher Beleg für die Relevanz von Musik als Ausdrucksmittel des menschlichen Seins in all seinen Facetten.

Michael Wersin, 28.05.2022



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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