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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Ein großes Werk ist vollbracht: Christian Gerhaher hat es geschafft, eine für unsere Zeit repräsentative Einspielung „aller“ Lieder von Robert Schumann zu vollenden. Freilich wird das Wörtchen „alle“, das auf dem Cover der Box prangt, von Gerhahers eigener Vorrede am Beginn des stattlichen Beihefts relativiert: Einerseits wurden frühe Kompositionen aus der Jugendzeit Schumanns nicht berücksichtigt, anderseits ergibt sich bei den mehrstimmigen Gesängen eine leicht unscharfe Grenze zwischen den solistischen und den eindeutig chorischen Stücken. Aber dennoch: Es ist in dieser umfassenden Edition alles enthalten, was das Herz begehrt. Christian Gerhaher und sein langjähriger Begleiter Gerold Huber – das Duo hat sich schon zu Studienzeiten an der Münchner Musikhochschule zusammengefunden – hat den Schumann-Marathon schon 2004 zunächst allein begonnen: Als erstes war es seinerzeit der „Belsazar“ nach Heine, der im Studio 2 der Bayerischen Rundfunks festgehalten wurde. Im Jahr 2007 folgte dann der Liederkreis op. 39 und zehn Jahre später ging es unter anderem mit den Heine-Liedern op. 24 weiter. Auf dem Weg zur Gesamtaufnahme, der sich irgendwann in der Zeit bis 2020 wohl konkretisierte, mussten dann weitere Kräfte hinzugezogen werden: So hören wir „Frauenliebe und -leben“, einen Zyklus, dessen Texte uns heutzutage teils eine gewisse Röte ins Gesicht treiben, in einer zauberhaften Version von Julia Kleiter, die die Peinlichkeiten des hier gezeichneten Frauenbildes vollkommen souverän zu sublimieren versteht. Andernorts freuen wir uns über Beiträge der nach wie vor jugendfrischen Sibylla Rubens. Wo es mehrstimmig wird, kommen außerdem Wiebke Lehmkuhl und Martin Mitterrutzner überzeugend ins Spiel.
Für unsere Zeit repräsentativ – was bedeutet das? Den enzyklopädischen Anspruch kennen wir schon aus der Zeit der Langspielplatte, namentlich Dietrich Fischer-Dieskau hat diesbezüglich auf dem Gebiet des Liedes Pionierarbeit geleistet, auch bei Schumann. Gerhaher grenzt sich sowohl von dessen Aufnahmeprojekt ab, genauso wie von demjenigen Graham Johnsons: Nicht enzyklopädisch-dokumentarisch habe man produzieren wollen, sondern „künstlerisch-deutend“ – ein Konzept, das auch in der programmatischen Zusammenstellung der einzelnen Alben seinen Niederschlag gefunden hat. Für gelungen erachtet der Hörer diesen Ansatz am ehesten dann, wenn er sich auf die Unmittelbarkeit und Lebendigkeit der Darbietung einlässt, die wohl jeden Track dieser Produktion auszeichnet: Sprachnähe auf jenem schmalen Grat, der dem Melos noch Raum lässt – Gerhaher wird als Fischer-Dieskau-Schüler auch die Gefahr des Strauchelns auf diesem Grat kennen. Gesangliche Kompetenz, die dem Liedrepertoire des 19. Jahrhunderts auch seine eigenen affektiven Ausdrucksmittel lässt – Vibrato und, bei Bedarf, das Primat der Melodie gegenüber dem rein sprachaffinen Akzent sind keine Tabus, das Repertoire wird nicht anachronistisch mit interpretatorischen Mitteln der „Alten Musik“ bezähmt. So erlebt man den Schumann Gerhahers, Hubers und ihrer durchweg hochkompetenten Kollegenschaft als eigenständig – in der interpretatorischen Umsetzung fußend auf der Liedgestaltungs-Tradition des 20. Jahrhunderts, gleichzeitig aber befreit von deren Zopfigkeiten. Da wird, so meint der Autor dieser Zeilen, der Blick frei auf den Musiker-Poeten Robert Schumann und ein 19. Jahrhundert, das seine Eigenständigkeit gegenüber anderen – vorausgegangenen wie folgenden – Epochen so bewahren kann, dass es uns heutigen Rezipienten etwas von sich zu erzählen vermag.

Michael Wersin, 11.09.2021



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