Mit Lotario habe Händel "einen Bock geschossen" - da war sich Paolo Antonio Rolli (der frühere Librettist des Komponisten), ganz sicher. Die Nachwelt folgte seinem Urteil - bis jetzt. Denn anlässlich der kritischen Neuausgabe des Werks machten sich nach fast 280 Jahren gleich mehrere Interpreten daran, Rolli und dem gelangweilten Uraufführungspublikum von 1729 vehement zu widersprechen. Die hier vorliegende erste Gesamteinspielung von Alan Curtis muss ein paar Entdeckerlorbeeren an Paul Goodwin und das Kammerorchester Basel abgeben, denn die haben kurz zuvor bei Oehms Classics (OC 902) einen großen Querschnitt des Werks vorgelegt. Und natürlich verdient auch Renée Flemings Promi-Plädoyer für eine Arie aus Lotario in ihrem neuesten Händel-Album Beifall. Zusammen beweisen sie: so falsch es war, dass Händel ausgerechnet mit dieser fast kammermusikalisch ausgefeilten Partitur und dem abgehobenen Mittelalter-Stoff auf die Kritik an seinem Opernstil (u.a. in Form der Bettler-Oper von 1728) reagierte, so gut nehmen sich seine saubere Arbeit und das dramaturgisch immerhin konzise gestaltete Libretto beim mehrmaligen Hören auf der CD aus. Leider vergibt Curtis‘ Gesamteinspielung ihren natürlichen Vorsprung vor Goodwins Auswahlaufnahme schon dadurch, dass hier aus kaufmännischen Erwägungen, die gerade diesem mutig querständigen Werk unwürdig sind, unbezeichnete Rezitativteile, zwei ganze Arien und verschiedene (welche?) sogenannte "B-Teile" von Arien gestrichen wurden - nur um das Stück auf zwei CDs zu zwingen. Schade auch, dass sich der auf dem Cover angepriesene Essay der Händel-Verehrerin und Krimiautorin Donna Leon als harmlose Handlungszusammenfassung entpuppt. Ansonsten ist Curtis mit seinen Originalinstrumenten ein durchsichtigerer, wenngleich klanglich bisweilen auch etwas spitzer Gestalter, während Goodwin wiederum den mitreißenderen dramatischen Zugriff besitzt. Mit Sara Mingardo als Lotario und der bösartigen dunkel timbrierten Altstimme von Sonia Prinas (welche die Intrigantin Matilde mimt) kann Curtis knapp vor Goodwin punkten. Auch die kleine Enttäuschung über die leichten intonatorischen Unschärfen, die der Primadonna Simone Kermes unterlaufen, fällt bei Curtis nicht so stark aus wie diejenige über den allzu massiv mit der Stimme schlackernden Bass Huub Claessens bei der Konkurrenz. Goodwins Crew macht wiederum Boden wett, weil seine Sänger glücklicher Weise nicht versuchen, sich den vermeintlich fehlenden Belcantoschmelz durch allzu pastose Verzierungen zu erschleichen. Das ernüchterndes Fazit für klamme Händel-Fans: Wer alle Vorzüge dieses tatsächlich verkannten Meisterwerks kennenlernen will, kommt mit zwei CDs eben doch nicht aus.

Carsten Niemann, 20.11.2004



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