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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Live at the Berlin Philharmonie 1969

Sarah Vaughan

The Lost Recordings/Bertus TLR4037
(84 Min., 11/1969) 2 CDs

In der 2004 anlässlich des 40. Geburtstags erschienenen Chronik der Berliner Jazztage spielt der Auftritt von Sarah Vaughan 1969 eine eher unrühmliche Rolle. Die Sängerin wurde von der Bühne gebuht, heißt es da, weil sie mit ihrem Abendkleid und ihren Liebesliedern aus dem Great American Songbook zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung in den USA und des Krieges in Vietnam zu wenig politisches Bewusstsein zeigte. Danach hatte das Berliner Jazzfest große Probleme, Musikerinnen zu engagieren, die Wert auf gepflegte Kleidung legen.
Nun, da die Aufnahmen vom 9. November 1969 zum ersten Mal – wie es im Booklet steht – in ihrer Gänze als Doppelalbum veröffentlicht werden, muss man sagen: Das war wohl alles ein großes Missverständnis.
Und das nicht nur, weil man von den Unmutsbekundungen so gut wie gar nichts hört (ja, der Applaus ist an manchen Stellen etwas dürr, und Vaughan entschuldigt sich einmal für einen Fehler, der aber gar nicht weiter auffällt). Was dem Publikum wie Eskapismus im Gala-Outfit vorgekommen sein mag, war vielmehr eine respektvolle Verbeugung vor dem Auftrittsort.
Ist der Mitschnitt des ersten hier in seiner Gänze zu hörenden Konzertes noch eine leichtherzige Angelegenheit mit launigen Ansagen, Filmmusiken (unter anderem „Alfie“), Publikumswünschen („My Funny Valentine“) und einem Beatles-Cover („And I Love Him“ als Bossa und mit einem wie eine gestopfte Trompete klingenden, nicht enden wollenden Gesangston am Ende), so lässt der zweite Konzertmitschnitt deutlich durchklingen, dass sich Vaughan der Bedeutung der Berliner Philharmonie durchaus bewusst war.
Da zeigt die wohl vielseitigste und gesangstechnisch vollkommenste Vokalistin in der Geschichte des Jazz des 20. Jahrhunderts, dass sie auch locker das Zeug fürs klassische Fach gehabt hätte. Sei es, dass „Fly Me to the Moon“ bei ihr in Karajans Haus irgendwann zu einer Paraphrase von Bachs und Gounods „Ave Maria“ wird, oder dass sie in Gilbert Becauds „What Now, My Love“ unter einem sich langsam intensivierenden Bolero-Rhythmus zur strahlenden Opernsängerin wird: Die von einem präzise zuliefernden Piano-Trio (Johnny Veith: Klavier, Gus Mancuso: Bass, Eddy Pucci: Drums) begleitete Vaughan macht deutlich, weshalb sie sich nie auf die Rolle einer bloßen Jazz-Sängerin festlegen lassen wollte.
Wenn Billie Holiday ein Whisky war, der die Zunge schwer macht, und Ella Fitzgerald ein spritziger Champagner, dann war die Dritte im Bunde der größten Jazz-Stimmen am 9. November 1969 ein äußerst erlesener Rotwein: abgedunkelt gereift, voller Aromen und mit einem lange nachhallenden Abgang. Was auch immer die damaligen Berliner dachten: Heute ist man dankbar für einen solch lange gelagerten Schatz.

Josef Engels, 22.05.2021



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