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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Odd Wisdom

Diego Piñera

ACT/Edel 1099202ACT
(58 Min., 2/2020)

Seine Einspielungen mit dem deutschen Pianisten Sebastian Schunke oder mit den amerikanischen Trio-Partnern Mark Turner und Ben Street haben es hinlänglich bewiesen: Der aus Uruguay stammende Diego Piñera ist definitiv kein konventioneller Latin-Schlagwerker. Seine Spezialität ist die Verwendung krummer (im Englischen: „odd“) Metren, die in der Volksmusik Süd- und Mittelamerikas eigentlich nicht vorkommen.
Die Vorliebe für unorthodoxe Taktarten verbinden sich bei dem in Havanna, Berklee und Leipzig ausgebildeten Globetrommlers, der inzwischen in Berlin lebt, mit einem ausgeprägten Interesse an durchaus kantigem zeitgenössischen Jazz. Im Gegensatz zu seinem deutlich in der Latin-Tradition verwurzelten ACT-Debüt „Despertando“ teilt Piñera die Erkenntnisse seines „Odd Wisdom“ nun voll und ganz mit dem aufgeschlossenen Hörer.
Dafür begab sich der Uruguayer noch kurz vor dem ersten Lockdown 2020 nach New York in ein Studio, wo er mit dem Tenorsaxofonisten Donny McCaslin, dem Gitarristen Ben Monder und dem Kontrabassisten Scott Colley auf ein gleichermaßen wissbegieriges wie experimentierfreudiges Weltklasseteam stieß.
Mit großer Lust lassen sich die Musiker auf Piñeras Stücke ein, die nicht nur mit komplexer Polyrhythmik, sondern auch viel mit erratischen Wendungen arbeiten. Da wäre etwa der „Clave Tune“, der sich in achteinhalb prallen Minuten stilistisch immer wieder neu erfindet. Oder das Richtung Balkan weisende „Mi Cosmos“. Gerahmt wird es von den bizarren 80er-Jahre-Elektrodrum-Sounds in „Robotic Night“ und der zarten Ballade „Space“, die so klingt wie die Nationalhymne eines noch zu gründenden Landes und von Piñera so schmucklos und gleichzeitig seelenvoll gesungen wird wie von einem Fußballer im Nationaltrikot vor einem wichtigen Spiel.
Mit „Conversation with Myself“ gibt es dann auch eine Stippvisite in strukturell freiere Gefilde und mit „Blue Monk“ eine gleichzeitig respektvoll swingende wie rhythmisch vollkommen verrückte Verbeugung vor der Jazz-Tradition und dem Blues. Vor allem Saxmann McCaslin bereitet es hörbar Freude, expressiv zu experimentieren – seine Palette reicht vom Obertonrülpser über beinahe übernatürlich homogene Legato-Linien bis hin zum schmerzhaft lang ausgehaltenen Schrei.
Obwohl Piñeras Musik fordernd ist und durchaus ihre spröden Momente hat, wirkt sie leicht. Was nicht nur an den US-Mitmusikern liegt, sondern auch an dem ungemein feingliedrigen Spiel des Wahl-Berliners, dem jeglicher Latin-Machismo fremd zu sein scheint. Manchmal, wenn es wie in der Coda von „Space“ rockiger zugeht, würde man sich zwar mehr Wumms in Form einer knackigeren Snare- und Bassdrum wünschen. Aber vielleicht ist das im Kontext dieses alles andere als langweilig-geradlinigen Albums auch zu straight gedacht.

Josef Engels, 06.02.2021



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