Gerade für einen CD-Mitschnitt böte die konzertante Produktion einer Wagner-Oper eigentlich ideale Voraussetzungen: Sängerinnen und Sänger direkt vor den Mikrofonen, in ihrer stimmlich-deklamatorischen Präsenz nicht behindert durch szenische Aktion. Aber ach, genau dieses Setting kann auch entlarvend sein: Wenn ein Gutteil der vokalen Kräfte sich wabernd und vibrierend durch seine Partien hangelt, wenn Rufe zu Schreien werden, wenn statt exakter Tonhöhen eher Näherungswerte erreicht und statt verstehbaren Worten eher entfernt vertraute Laute hervorgebracht werden, dann führt ein textlich-musikalisches Gesamtkunstwerk wie die „Walküre“ sich in actu selbst ad absurdum. Nicht alle Beteiligten hinterlassen hier einen traurigen Eindruck: Stuart Skelton etwa bewährt sich durchaus auch stimmlich als wackerer Siegmund, und Elisabeth Kulman gestaltet die Fricka geradezu liedhaft klar. Auch James Rutherford als Wotan vermittelt durchaus einen passablen Eindruck von dieser markanten Rolle. Aber umso deutlicher werden die Unterschiede: Vor allem Brünnhilde, aber auch Sieglinde operieren eigentlich jenseits der Grenze des Erträglichen. Besonders krass ist in den entsprechenden Abschnitten der Unterschied zum klanglich edlen, von Simon Rattle mit kammermusikalischer Differenziertheit durchgestalteten Orchesterpart, den das BR-Symphonieorchester nach offenbar minutiöser Vorbereitung auf hohem Niveau zelebriert. Aber, wie gesagt: Ein Gesamtkunstwerk verträgt solche extremen Diskrepanzen nicht.

Michael Wersin, 31.10.2020



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