Welch ein Jammer! Kaum kann Rinaldo seine Almirena in die Arme schließen, naht auch schon eine schwarze Wolke, "in der schreckliche Ungeheuer sitzen, die schnaubend Feuer und Qualm speien". Klar, dass der mutige Held umsonst sein Schwert zückt, um seine Geliebte zu retten. Gegen Übernatürliches ist er machtlos. Und das ist unser Glück. Schließlich wären wir sonst nie in den Genuss der ergreifenden Arie "Cara sposa" gekommen, eines Schmuckstücks dieser Oper, in der Rinaldo alias David Daniels sein Unglück da capo beklagt. Am Ende jedoch fügt sich alles zum Guten: Die Christen besiegen die Heiden, ein christlicher Zauberer (!) entmachtet die heidnische Zauberin Armida, obwohl diese weitaus mehr und Bedeutenderes zu singen hat - und die ganze Schar der Ungläubigen wird auf einen Schlag (recht-)gläubig.
Dass auf die 1711 in London uraufgeführte Oper "Rinaldo" der Titel "Armida" weitaus besser gepasst hätte, liegt nicht nur an der packenden Dramatik und Präsenz, die Luba Orgonásová, die Dame mit den betörend dunklen Höhen, hier der Partie der Zauberin angedeihen lässt. Sondern es fußt auch auf der Bedeutung, die in dieser Oper der Potenz des Irrationalen gegenüber den irdischen Fährnissen zugestanden wird: Am Ende siegt etwas, dessen Kraft sich durch nichts Fassbares erklären lässt, über etwas anderes, dessen Macht man gleichfalls nicht allein mit dem Verstand rechtfertigen kann. Und am Ende siegt auch der Zauber der Musik - einer farbigen, abwechslungsreichen, spannenden, tief mit-empfindenden Musik - auf eine Weise, die sich nicht (immer) erklären lässt, über das (wie so oft bei Händel) reichlich kolportagehafte Libretto.
Dessen holzschnittartige Grundsituationen nutzt Christopher Hogwoods Academy of Ancient Music hier immerhin aus, um Kontraste zu erstellen und auszufüllen: Trauer und Wut, Sieg und Verlust, Qual und Genuss liegen für ihn und seine bis ins solistische Detail hinein hingebungsvoll musizierenden Instrumentalisten ebenso nah beieinander wie für den Zuhörer. Der weidet seine Ohren außerdem nicht nur an der immer wieder fantastischen Orgonásová, sondern auch an der hier ebenfalls faszinierenden, weil sehr dramatisch gestimmten Cecilia Bartoli. Die nämlich nimmt sich mit so großer Ausdruckskraft der Rolle der Almirena an, dass dem armen Titelhelden die zwei mächtigen Frauengestalten schier vorkommen müssen wie Skylla und Charybdis.
Unter diesen Umständen schlägt sich David Daniels aber wacker und aus seinem sinnlichen Altus soviel Kapital, dass der zweite Kontratenor der Aufnahme, Daniel Taylor (alias Eustazio), im Vergleich dazu nur ziemlich alt aussehen kann. Des weiteren verleiht Bernarda Fink dem Goffredo Präzision und soviel Profil, wie es bei einem General eben möglich ist. Und Hogwood lässt es donnern und lässt die Vöglein jubilieren, dass es eine wahre Lust ist; zwar will alle Lust Ewigkeit, doch die dauert hier leider nur knapp drei Stunden.

Susanne Benda, 09.11.2000



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