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Nicola Matteis, Antonio Vivaldi, Giovanni Zamboni, John Playford u. a.

„Silk & Tweed. Nicola Matteis’ Sentimental Journey“

Veronika Skuplik, Andreas Arend

Fra Bernardo/Note 1 FB2085190
(49 Min., 2/2020)

Minimalismus scheint das durchgängige Grundprinzip dieser Produktion zu sein: Öffnet man den flachen Pappschuber, in dem die CD steckt, dann entfaltet sich der Einführungstext, verfasst von den beiden Interpreten, direkt auf insgesamt vier Flächen dieser Schachtel. Es gibt ihn nur in englischer Sprache. Auf einer weiteren Seite der Schachtel findet sich das komplette Tracklisting – nicht untereinander angeordnet, sondern in eine fortlaufende Zeile zusammengedrängt und nur durch den Fettdruck der zahlreichen Komponistennamen notdürftig gegliedert. Minimalistisch ist schließlich auch die Besetzung: nur Veronika Skuplik mit ihrer Violine von 1787 und Andreas Arend mit seiner Erzlaute. Kein Streichbass, kein Cembalo. Warum allenthalben so bescheiden? Das minimalistische Prinzip erschließt sich, wenn man sich das Konzept des Programms vergegenwärtigt. Wir rekapitulieren eine Reise quer durch Europa, grob gesagt von Süd nach Nord. Der Geiger Nicola Matteis, geboren um 1650 in Neapel, scheint als junger Mann eine solche Reise unternommen zu haben, im Rucksack nur das Nötigste, vor allem seine Geige. Anfang der 1670er-Jahre schon traf er in London ein, wo er fortan Furore machte als einer der faszinierendsten Geigenvirtuosen seiner Zeit.
Den Reichtum dieser CD-Idee darf man also nicht im Äußerlichen suchen, denn eine solche Reise verträgt keinen unnötigen Ballast. Der Reichtum findet sich auf einer anderen Ebene, gewissermaßen im Nichtstofflichen: Veronika Skuplik und Andreas Arend, die mit jener traumwandlerischen Sicherheit interagieren, die man nur durch langzeitiges Zusammen-Konzertieren erreicht, entfalten vor den Ohren der Hörerschaft eine wunderbare Welt der Musizier-Kunst um 1700. So manches, was hier zu hören ist, stammt schon substanziell aus dem Fantasieren und Weiterentwickeln von hier und da Aufgeschnapptem, hat sich gewissermaßen in der Geigen-Community jener Zeit herumgesprochen und wird nun von der geschmackvoll auszierenden Veronika Skuplik im Spielen kreativ verlebendigt. Im Dialog mit der Geige improvisiert Andreas Arend hochaufmerksam und kommunikativ über die Basslinien der Stücke. Größtmögliche Freiheit innerhalb eines perfekten Timings zeichnet das Zusammenspiel der beiden aus. In diesem virtuellen Raum, dessen Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten nicht rational beschreibbar und auf Papier notierbar sind, erfüllt sich mit Blick auf das eigentlich nur skizzenhaft Überlieferte das Versprechen des faszinierend freien Musizierens der Epoche. Von Veronika Skuplik und Andreas Arend wurde es überzeugend in unsere Zeit gebracht.

Michael Wersin, 19.09.2020



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