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Love Letter

Jimmy Heath

Verve/Universal 0712670
(45 Min., 10/2019)

Er maß nur 1,60 Meter, aber als er am 19. Januar 2020 starb, ging ein ganz Großer: Tenorsaxofonist Jimmy Heath. Er komponierte und spielte unter anderem für Dizzy Gillespie, Miles Davis oder Chet Baker, feierte Erfolge mit der Geschwister-Band „The Heath Brothers“ und ließ Instrumentenkollegen wie John Coltrane in höchsten Tönen von seinem Können und Wissen schwärmen.
Drei Monate vor seinem Tod und zwei Tage vor seinem 93. Geburtstag ging Heath ins Studio, um etwas zu tun, das er in seiner langen Karriere noch nie gemacht hatte: ein reines Balladen-Album aufnehmen.
Das Ergebnis ist von der ersten Sekunde, in der Bassist David Wong mit gestrichener Eleganz adäquat den Boden für Heaths Spielkunst bereitet, bis zum letzten Atemzug von Billie Holidays „Donʼt Explain“ perfekt. Man käme nie auf die Idee, dass man hier einen über 90 Jahre alten Saxofonisten hört, so robust und klar wirkt der Klang des Tenors.
Mit lehrbuchhafter Präzision entwickelt Heath, der einmal auch zum Sopran greift, seine Soli. Und sorgt mit seiner Präsenz und seiner freundlichen Wärme dafür, dass sich die illustre Riege der Gaststars ähnlich klug zurückgenommen wie der Meister verhält.
Trompeter Wynton Marsalis etwa verzichtet in Kenny Dorhams „La Mesha“ auf jegliches Feuerwerk, sondern umarmt innig die Töne des Holzblaspartners. Gregory Porter singt „Don’t Misunderstand“ aus dem Soundtrack von „Shaft“ so, als wäre er Heaths Saxofon – mit der exakt gleichen Phrasierung und rhythmischen Feingliedrigkeit. Und Cécile McLorin Salvant interpretiert die unglaublich traurigen Liedzeilen von Mal Waldrons für Billie Holiday geschriebenem „Left Alone“ so treffend, dass sie sich die Girlanden des Trostes, die Heath in seinem Solo webt, mehr als verdient hat.
Auch in einem anderen Aspekt ist „Love Letter“ eine angemessene Liebesbotschaft an den Saxofonisten: Die Stücke „Ballad from Upper Neighbors Suite“, „Inside Your Heart“ und „Fashion Or Passion“ sowie das Arrangement zu Dizzy Gillespies „Con Alma“ zeigen, was für ein begnadeter Komponist und Tonsetzer Heath war.
Selbst in reduzierter Besetzung, in der Bassist Wong und Drummer Lewis Nash als Rhythmusgruppe fungieren und mal Kenny Barron am Piano, mal Russell Malone an der Gitarre sowie Monte Croft am Vibrafon für die harmonische Ausgestaltung sorgen, hört man stets etwas viel Größeres heraus. Ein würdiger Abschied für die Legende aus Philadelphia, von der Kollegen wie Art Farmer sagten: „Ich habe ihn nie schlecht spielen gehört.“ Das traf bis zuletzt zu.

Josef Engels, 22.08.2020



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