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Marble

Hendrika Entzian +

Traumton/Indigo – 375 Media 05189852
(55 Min., 12/2018)

Dass mit der 1984 geborenen Kontrabassistin Hendrika Entzian zu rechnen ist, war nach ihren ersten zwei Alben voller konzentrierter und filigraner Musik für eine Quartett- und Quintett-Besetzung klar. Aber dass nun in der Summe so etwas Großes herauskommt wie dieses 17-köpfige Orchester, das sich als bescheidenes Plus-Zeichen tarnt, ist dann schon ein dickes Ding. Vor allem, weil es der mit dem WDR Jazzpreis ausgezeichneten Komponistin gelingt, vermeintliche Widersprüche mit ihrer 2018 ins Leben gerufenen Großformation zu versöhnen.
Das zeigt bereits der Albumtitel. „Marble“: Das kann im Englischen „Marmor“ bedeuten – oder auch „Murmel“. Diese Ambiguität passt perfekt zu einer Aufnahme, die den ehrwürdigen Baustoff der Big-Band-Tradition immer wieder in ein leicht in der Hand liegendes Spielzeug verwandelt.
In Entzians Partituren findet sowohl das breitwandig Auskomponierte wie das intim Improvisierte organisch seinen Platz. So im Auftakt „Weekdays“ mit seiner dramatischen tieftönenden Grundierung, in dem sich ein dichtes Arrangement plötzlich in ein Zwiegespräch zwischen Bastian Steins solierender Trompete und Simon Seidels Klavier verwandelt.
Oder in „Limona“ mit seinen charakteristisch absteigenden Melodielinien, die Tenorsaxofonist Matthew Halpin in seinem zunächst von der Rhythmusgruppe, dann von allen begleiteten Solo als motivische Experimentiergrundlage dienen, bis er sich alleine mit seinem Saxofon-Kollegen Sebastian Gille am Mikrofon zu einem keuchenden und kichernden Pas de deux wiederfindet.
Aber auch in der Kombination der Klangnuancen sorgt Entzian für einen reizvollen Wechsel zwischen dick mit Öl aufgetragener Farbmischung und feinem Bleistiftstrich. In „Pivot“ etwa kämpft die Posaunistin Shannon Barnett zuerst grollend gegen eine zwölftönerische Brandung an, dann aber wendet sich das Düster-Bedrohliche ins Heitere, und die Posaune surft leichtherzig auf mit Flöten gekrönten Wellenkämmen davon.
Ohnehin ist „Marble“ ungeachtet der seriösen Kompositionskultur durchzogen von einem Sinn fürs Verspielte und Lässige: Das gilt vor allem für das Titelstück, das von einem entspannt-urbanen Groove getragen wird, aber auch für das gewitzt verschachtelte „Pivot“ oder das coole „3/4 Rück“ als Albumabschluss, dem Sandra Hempel ein adäquat nonchalantes Gitarrensolo verpasst. Lauter Pluspunkte für Hendrika Entzians +.

Josef Engels, 20.06.2020



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