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Without Deception

Kenny Barron, Dave Holland Trio

(66 Min., 8/2019)

Die Raffinesse steckt im Detail. Dave Holland, einer der eigenwilligsten Kontrabassisten der vergangenen 50 Jahre und der Pianist Kenny Barron, der eher als Geheimtipp unter Musikern gilt und weit davon entfernt ist, als Publikumsmagnet die Jazzfans in Scharen anzuziehen, fanden sich mit dem Schlagzeuger Jonathan Blake zu einem vordergründig ganz normalen Klaviertrio zusammen.
Zwölf Stücke spielten sie ein – zehn davon sind in der CD-Version zu hören und das volle Dutzend auf der Doppel-LP. Beide beginnen mit einer heiteren Bossa Nova „Porto Allegri“ und beide enden mit der herzerfrischend tänzelnden Version von Thelonious Monks „Worry Later“. Damit ist schon umrissen, worum es den Dreien geht: Anders als viele Trios jüngerer Musiker kokettieren sie weder mit Rock noch Hip-Hop und lassen auch die Techno-Ecke außen vor. Ihre Anknüpfungspunkte liegen beim einst experimentellen Jazz der 1960er-Jahre, mit dem Miles Davis, Wayne Shorter und viele andere den Swing der 1940er und Hard Bop der 1950er hinter sich ließen (und trotzdem swingten), und den lateinamerikanischen Rhythmen, die sie mit dem Understatement ausgewiesener Virtuosen zu einer kunstvollen Ensemblemusik der Gegenwart ausbauen.
Dabei wirkt nichts verkopft. Barron entwickelt aus den Themen einen Strom von Melodien, und Holland sorgt mit ebenso konsequenten wie melodiösen Figuren im Team mit dem gleichermaßen dynamischen und filigranen Drummer für einen soliden Gegenpol. Blakes Soli, unter anderem in „Speed Trap“ und „Pass It On“, sind Meisterwerke differenzierter Schlagzeugkunst, und sein Ensemblespiel steckt voll überraschender Wendungen, verblüffender Schlagfolgen und dynamischer Nuancen.
Das Gros der Titel stammt von den Mitgliedern des Trios. Mit „Second Thoughts“ erweist Barron seinem verstorbenen Pianokollegen Mulgrew Miller die Reverenz und „Secret Places“ stammt von seinem Schüler Sumi Tonook. Dabei schrecken sie auch vor romantischen Interpretationen nicht zurück: Ihre Version von Duke Ellingtons „Warm Valley” wärmt durch das gleichzeitig offene und intensive Zusammenspiel und die Melodienpracht das Herz. Manchmal hört man den Terminus „ehrliche Musik“. Genau dies gelingt Kenny Barron, Dave Holland und Jonathan Blake – und das verspricht auch der Titel des Albums: Musik ohne Täuschung.

Werner Stiefele, 16.05.2020



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