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Montreux Jazz Festival 1967 (Swiss Radio Days Jazz Series, Vol. 46)

Charles Lloyd Quartet

TCB/in-akustik 05712691
(100 Min., 6/1967) 2 CDs

Es ist lange her. Damals, 1967, zählten der Saxophonist Charles Lloyd (29 Jahre alt), der Pianist Keith Jarrett (22), der Kontrabassist Ron McClure (26) und der Schlagzeuger Jack DeJohnette (25) zu jenen jungen Wilden, die sich einen Deut um den überlieferten Jazz scherten und begeistert ihr eigenes Ding durchzogen. Wie viele damals träumten sie von der großen, nicht näher definierten Freiheit, und eine Ahnung dessen, wie es sich in dieser Utopie leben ließe, verwirklichten sie in ihrer Musik. Über die Anarchie und die Eigenverantwortung der Bürger wurde damals diskutiert – ein Spiegel dessen gelang dem Quartett, indem es seine Musik mit schönen, ausdrucksstarken Melodien ausstattete und sie in flexiblen Formen, gepaart mit Free-Exkursionen, aufführte.
Charles Lloyd entlockte seinem Tenorsaxofon schon damals jene facettenreichen, magischen Töne, die seine Auftritte auch heute noch zum emotionalen Erlebnis machen. In seinen Klangfarben spiegeln sich Melancholie und Freude, Hoffnung und Zärtlichkeit, Konsequenz und die Bereitschaft zur Kommunikation – alles Eigenschaften, die auch seine Partner auszeichnen. Das Spiel dieser vier greift mit einer damals wie heute seltenen Selbstverständlichkeit ineinander, wobei nicht nur die drei späteren Stars Lloyd, Jarrett und DeJohnette durch Einfallsreichtum und Sensibilität brillieren, sondern auch der exzellente, bei weitem nicht so bekannt gewordene Kontrabassist Ron McClure, der im Team mit DeJohnette das Quartett ebenso federnd wie melodisch auch bei spontanen Einfällen von Lloyd und Jarrett zusammenhält.
Nur sechs Stücke umfasst das Konzert. Aus der sehnsuchtsvollen Einleitung von „Days And Nights Waiting“ entwickelt sich eine spannende Nummer in mittlerem Tempo mit knappen Soli. Darauf huldigt Lloyd „Lady Gabor“ zunächst über quirligen Grooves mit der Querflöte, bevor das Ensemble in Free-Improvisationen abdriftet und nach einem verschlungenen Tenorsaxofon-Solo zu einem pulsierenden Beat zurückfindet. Darauf folgt das mehr als halbstündige „Sweet Georgia Bright“ – eine furiose Kollektivimprovisation, in der DeJohnette und McClure die stärker im Vordergrund stehenden Jarrett und Lloyd durch Free-Passagen tragen, sie in unbegleitete oder nur spärlich untermalte Soli abdriften lassen und sich mit ihnen im beständigen Wechselbad der Gefühle auch im eng umschlungenen Quartett zu besinnlichen und wilden Passagen wieder zusammenfinden. In „Love Ship“, der ersten Nummer auf der zweiten CD, erzählt Lloyds Tenorsaxofon eine zärtliche Begegnungs- und Liebesgeschichte, und auch den „Love Song to a Baby“ flötet er – unterbrochen durch ein eloquentes Klaviersolo Jarretts – mit sanfter Hingabe. Mit dem knapp halbstündigen Finale „Forest Flower“ gestalten die vier eines von Lloyds Lieblingsthemen mit Soli und im dichten Quartett, wobei sie Jack DeJohnette zwischendurch Raum für ein furioses Schlagzeugsolo gewähren.
Das alles macht den 100-minütigen Mitschnitt vom 18. Juni 1967 aus Montreux nicht nur zum Dokument eines faszinierenden Konzerts, sondern auch zu einer bedeutenden Dokumentation der Jazzentwicklung jener Jahre. Der Rockjazz deutete sich damals an, Samba und Calypso kamen ins Spiel, dazu blieben Reste des Swing. Schade, dass die Tontechniker von damals noch nicht so akkurat und klangrein aufzeichnen konnten, wie es heute üblich ist. Da die vollständige Aufzeichnung aus Montreux im Vergleich zu den 1966/67 veröffentlichten Platten „Forest Flower“ und „In Europe“ aus Monterey und Oslo mehr Free-Passagen enthält, vermittelt sie einen besseren Eindruck von der Innovationskraft des Charles Lloyd Quartet.

Werner Stiefele, 07.12.2019



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