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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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Lune Rouge

Erik Truffaz Quartet

Warner 9029538041
(59 Min., 3 & 5/2018)

Der sogenannte Blutmond – oder „Lune Rouge“ – ist das Ergebnis einer besonderen Anordnung von Erde, Mond und Sonne. Übertragen auf das gleichnamige Album des französischen Trompeters Erik Truffaz könnte man sagen: Sein Farbenspiel, in dem sich nachtschwarze Düsternis mit gleißendem Licht zu einem mal bedrohlich, mal pittoresk wirkenden Rot vermischt, verdankt sich einer speziellen Konstellation in Truffaz' Quartett.
Es ist nämlich das jüngste Mitglied der Formation, das das Farbspektrum der Aufnahme bestimmt. „Wir haben den Dirigentenstab an Arthur Hnatek weitergereicht und ihn gebeten, das Basismaterial zu komponieren“, sagt der Trompeter über seinen 29-jährigen Drummer. Auf der Grundlage seiner elektroakustischen Mischung aus federnden minimalistischen Beats und elektronisch verfremdeter Perkussion lassen Truffaz, Keyboarder Benoit Corboz und E-Bassist Marcello Giuliani die Gedanken schweifen. Man hört lang ausgedehnte Jams mit kleinen sich wiederholenden Trompetenmotiven („E T Two“, „Lune Rouge“), Ausflüge in die Gefilde des urbanen Soul oder Pop (mit den Gesangsstimmen von José James und Andrina Bollinger) oder bedrohlich wirkende Industrial-Vignetten, die an Bill Laswells „Panthalassa”-Bearbeitungen von Miles Davis erinnern („Tiger In The Train“).
Überhaupt ist die gesamte Einspielung deutlicher vom Geiste des Trompetenidol von Truffaz durchdrungen als die vorherigen Alben des Franzosen. Damit ist nicht unbedingt der Sound des Horns gemeint – obwohl Truffaz öfters sein Instrument gestopft spielt und immer wieder das wütende Aufschreien des Miles der Fusionjahre hören lässt, hat er einen eigenen wiedererkennbaren Ton mit weicher Flötencharakteristik und zuweilen orientalisch anmutenden Wendungen gefunden.
Es ist vielmehr das Gefühl für die atmosphärische Ausgestaltung des Raums, der Mut zur Selbstbeschränkung und die sich hinter tanzbarer Coolheit versteckende Verletzlichkeit, die die beiden miteinander verbindet. So – und nicht wie auf der gerade veröffentlichten „Rubberband“-Trouvaille aus den 1980er Jahren – könnte Miles Davis heutzutage klingen.

Josef Engels, 26.10.2019



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