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Johannes Brahms

The Songs Of Johannes Brahms, Vol. 8

Harriet Burns, Robin Tritschler, Graham Johnson

Hyperion/Note 1 CDJ33128
(63 Min., 4 & 10/2008)

Nicht nur auf dem Podium, sondern auch im Aufnahmestudio hat sich der englische Pianist Graham Johnson einen großen Namen als Anwalt des europäischen Klavierliedes gemacht. Kaum erreichbar ist die Fülle seiner Erfahrungen mit deutschen, englischen oder französischen Liedern, kaum einholbar die Vielfalt seiner Zusammenarbeit mit den allermeisten wichtigen Liedsängerinnen und -sängern – und das nunmehr seit fünf Jahrzehnten! Schwer zu übertreffen ist auch die Akribie seiner umfassenden Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Repertoire: Sie spiegelt sich wider in den ausführlichen Beihefttexten seiner CD-Veröffentlichungen bei Hyperion, die zu jedem einzelnen Lied die wichtigsten Hintergrundinformationen gebündelt zusammenfassen. Großartig ist freilich auch sein interpretatorischer Zugang zu den Liedbegleitungen: Er ist geprägt vom tiefgreifenden Verständnis der zugrundeliegenden Texte und vom kreativen Wandlungsprozess, durch den die Texte unten den Händen der großen Komponisten zu Musik geworden sind.
Obwohl Johnsons Renommee entsprechend gewaltig ist und er Zugang zu praktisch allen verfügbaren Sängern hat, ist seine Auswahl der Solisten seit jeher immer wieder einmal Stein des Anstoßes. Das war schon in seiner „Schubert Edition“ so, und aus demselben Grund irritierten mich vor Jahren schon die ersten beiden Folgen der Brahms-Serie, die 2010 und 2011 auf den Markt kamen. Danach verlor ich das Brahms-Projekt eine Weile aus den Augen; nun liegt Folge 8 auf dem Tisch, und in diesem Fall hatte Johnson eine recht glückliche Hand: Die junge englische Sopranistin Harriet Burns hat sich am Beginn ihrer Karriere bisher vor allem als Lied-Sängerin einen Namen gemacht. Ihr Deutsch ist nahe akzentfrei, und die Differenziertheit ihrer Darbietung zeugt über weite Strecken nicht nur vom bloßen detaillierten Verstehen der Texte (das ist ohnehin unabdingbar), sondern auch von einem guten Gefühl für die Eigenart der deutschsprachigen Poesie. Die schiere Verständlichkeit der Worte ist immer wieder ein wenig getrübt durch die Stimmlage, aber das ist weitgehend ein kaum vermeidbares phonetisch-physikalisches Problem der Sopranlage als solcher. Harriet Burns‘ Stimme ist kraftvoll und sicher geführt, allenfalls in der Vollhöhe kommt es hin und wieder zu einem kurzzeitigen Flackern. In puncto Timbre darf gesagt werden, dass es durchaus Stimmen gibt, deren klanglicher Reiz unmittelbarer zu Tage tritt. Bei Burns braucht es das eine oder andere Lied, um ihr Material in vollem Umfang schätzen zu lernen. Interpretatorisch wird sie bei entsprechend hinzugewonnener Erfahrung später vielleicht noch mehr wagen als zu diesem Zeitpunkt. Trotz allem Wenn und Aber darf diese Brahms-Folge jedoch unumwunden zu den wirklich gelungenen gezählt werden.

Michael Wersin, 14.09.2019



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