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Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier, I. Band

Keith Jarrett

ECM/Universal 02894818016
(105 Min., 3/1987) 2 CDs

Als vor einer nun auch schon halben Ewigkeit, genauer: vor 32 Jahren Keith Jarrett sein erstes Bach-Album veröffentlichte, hätten wohl die wenigstens vermutet, dass dieser amerikanische Jazzpianist es ganz und gar ernst meinen würde mit diesem Komponisten. Denn Bach und Jazz bzw. Jazz und Bach – das war und ist bis heute musikalisch nicht immer glücklich ausgegangen (eine Ausnahme bildet da Uri Caine). Im Gegensatz aber eben zu den unzähligen Re-Kreationen, mit denen etwa der Heilige Kontrapunkt mit Blue Notes gespickt werden sollte, konzentrierte sich Jarrett 1987 vollkommen auf den Notentext. Keine improvisatorischen Ausreißer, kein latenter Swing, der Jarretts eigentliche musikalische DNA verraten würde, „verunreinigten“ da seine Studio-Auseinandersetzung mit dem 1. Band von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“. Zugleich fehlte dieser reichen Rundreise durch die Kunst der „Präludien & Fugen“ jeglicher Anflug von Demut. Jarrett bewegte sich durch diesen intellektuell anspruchsvollen Zyklus auch spieltechnisch mit einer Selbstverständlichkeit und einem Reflektionsvermögen, das große Bach-Interpreten halt ausmacht.
Was aber bis eben jetzt kaum einer wusste: Wenige Tage nach seiner Einspielung von Bachs WTK I gastierte Jarrett mit diesem Opus direkt im Konzertsaal. Ausgesucht hatte er sich dafür aber keinen Konzertsaal in einer Metropole. Seine Wahl fiel auf das Städtchen Troy im Bundesstaat New York, wo er am 7. März 1987 in der örtlichen Music Hall das Publikum in Atem gehalten haben muss. Denn bei dem jetzt erstmals veröffentlichten Live-Mitschnitt lenken keine unpassenden Geräusche von Jarretts schnörkellosem, von allen Romantizismen gereinigtem Akt des pianistischen Durchmessens, Durchschreitens und Durchlebens ab. Die mehrstimmigen Flechtwerke entpuppen sich bei ihm als so kühn wie ausdruckstief (cis-Moll-Fuge). Auf arabeske Verspieltheit (d-Moll-Präludium) folgt ariose Labsal (E-Dur-Präludium) und aufgewühlte Erregung (e-Moll-Fuge). Großartig auch, wie Jarrett aus dem A-Dur-Pärchen die zwei Seiten musikalischen Schlenderns, Flanierens und Rasens offenbart. Und das finale b-Moll-Präludium ist die pure Feier musikalischen Nachdenkens. Danach spendet das hörbar beeindruckte Publikum zu Recht dem großen Bach-Pianisten Jarrett den entsprechenden Applaus.

Guido Fischer, 20.07.2019



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Kommentare

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gemihaus
Tja, nun-also, ich habe bei den ebenso bemerkenswerten Bach-Pianisten Gould und Gulda auch keine 'mit allen Romantizismen verunreinigten Akte des pianistischen Durchmessens, Durchschreitens und Durchlebens' gehört. Blieb solchermaßen unerhörte Qualität bis zu dieser späten Veröffentlichung eines Live-Mitschnitts des 'grossen Bachspielers Jarrett' meinen oder unsren begierlichen Ohren verborgen, oder hören wir nur Unerhörtes qua PR-Animation insinnuiert? Als auch versiert improvisierenden Jazzpianisten schätze ich Jarrett allemal sehr.




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