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Ferruccio Busoni

Klavierkonzert

Kirill Gerstein, Boston Symphony Orchestra, Tanglewood Festival Chorus, Sakari Oramo

Myrios/harmonia mundi MYR024
(71 Min., 3/2017)

Der Italiener Ferruccio Busoni war visionärer Neue-Musik-Denker und Komponist, Dirigent, Lehrer und nebenbei ein erfolgreicher Kunstsammler. Doch vor allem war er einer der größten Pianisten seiner Zeit, der sich immer wieder mit eigenen Stücken herausforderte. Zwar hat Busoni lediglich ein einziges Klavierkonzert komponiert, das er natürlich auch höchstselbst uraufführte, im November 1904 in Berlin. Doch sein Opus 39 sollte allein schon vom Umfang her alles bis dahin auf diesem Gebiet Komponierte hinter sich lassen. Mehr als 70 Minuten Spielzeit umfasst das fünfsätzige Werk (zum Vergleich: Die auch nicht gerade handlichen Klavierkonzerte von Brahms dauern jeweils rund eine Dreiviertelstunde). Dass das Konzert bei der Premiere durchfiel und seitdem eigentlich nie im Repertoire Fuß fassen sollte, mag aber nicht zuletzt an seinem ausgefallenen Finalsatz liegen. Da nämlich verlangt Busoni einen stattlichen Männerchor, der ziemlich verschwurbelte Verse aus dem „Aladin“-Drama eines gewissen Dänen namens Adam Gottlob Oehlenschläger von 1805 singen muss.
Überhaupt quillt das Konzert musikalisch nicht unbedingt vor neuen Ideen über. Allzu unbekümmert griff Busoni hier bei Brahms, Liszt und – wie im mit „All´Italiana“ bezeichneten 4. Satz – der heimischen Volksmusik in Form einer Tarantella zu. Doch verarbeitete Busoni genau all diese Rückbezüge zu einem schlichtweg packenden, mächtig unterhaltsamen und selbstverständlich auch brillanten Meisterwerk! Dass der Euphoriefunken jetzt überspringen konnte, verdankt sich aber auch einem Musikerteam, das sich beim Live-Mitschnitt aus Boston mit allen Kräften für dieses Mammutkonzert ins Zeug geschmissen hat. Solist Kirill Gerstein kostet den Reichtum seines Solo-Parts auch mit aller Farbenpracht und atemberaubendem Elan aus. Das von Sakari Oramo geleitete Boston Symphony Orchestra ergeht sich gerade im Eröffnungssatz in traumhaft schönstem Melos. Und der Tanglewood Festival Chorus sorgt mit seinem Timbre für reinste Wonne. Von Busonis Klavierkonzert muss man ab sofort Fan sei.

Guido Fischer, 01.06.2019



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