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Johannes Brahms, Antonín Dvořák

Sinfonie Nr. 4, Sinfonie Nr. 9 („Aus der neuen Welt“)

Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša

Tudor/Naxos TUD1744
(86 Min., 5 & 10/2017) 2 SACDs

Das langsame Tempo im ersten Satz der e-Moll-Sinfonie von Brahms überrascht ganz unmittelbar: Kann man das tatsächlich so machen? Man kann, und, wie sich bald zeigen wird, mit erheblichem Vorteil für die Wirkung der Musik. Der weiträumige Klang der Bamberger Symphoniker rollt in mächtigen Wogen den Ohren des Hörers entgegen, eine Brahms-Erfahrung der besonderen Art. Die markante rhythmische Struktur mit den Brahms-typischen Taktverschiebungen wird passagenweise zum ganz eigenständigen Erlebnis – man glaubt, den Pendelschlag einer großen Uhr wahrzunehmen, die die Musik ganz tief aus dem Innern heraus antreibt.
An diesem Punkt ist längst klar: Jakub Hrůša ist ein Tüftler, ein begeisterter Experimentator, ein unermüdlicher Grübler in Sachen musikalische Struktur. Der ausführliche Beihefttext, ein Interview mit dem Dirigenten, bestätigt diesen Eindruck: Ungewöhnlich detailliert erhält man Einblick in den weiten gedanklichen Horizont, vor dem der Dirigent schließlich die konkrete Darbietung leitet. Aufschlussreich sind seine Ausführungen über die strukturelle Komplexität bei Brahms und die entsprechende Simplizität bei Dvořák. Selbstverständlich trifft Hrůša hier keine Unterscheidung im Sinne einer qualitativen Wertung – nach Kräften bemüht er sich, beiden Kompositionen gleichermaßen zu ihrem Recht zu verhelfen. Hört man Dvořáks „Neunte“ nach der Brahms-Sinfonie, dann wird klar, wie detailliert Hrůša auch in diesem Stück mit feinen Abstufungen des Tempos oder mit minutiös austarierten Balance-Akten im Verhältnis der Instrumentengruppen zueinander arbeitet. Dennoch bleibt am Ende der Eindruck, Hrůša sei doch eher ein Brahms-Dirigent, oder: Seiner Herangehensweise des gedanklichen und probenpraktischen Zerlegens und dann wieder Zusammensetzens sinfonischer Partituren komme der mikrostrukturell gebauten und gegliederten Musik von Brahms mehr entgegen als den Erlebniswelten Antonín Dvořáks.

Michael Wersin, 27.10.2018



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