Ich lege die erste CD dieser "Messias"-Gesamteinspielung auf und freue mich: Frisch zupackend und trotzdem feierlich kommt die "Grave"-Einleitung der "Sinfony" daher, fast tänzerisch verheißungsvoll setzt das Fugenthema des Allegro-Teils ein. Aber: So großartig diese Aufnahme beginnt, so wenig hält sie dieses Versprechen.
Das erste Problem ist das der "richtigen" Fassung: Wie der Beihefttext darlegt, hat Händel mehrere Varianten dieses Oratoriums hinterlassen, die jeweils im Zusammenhang mit bestimmten Aufführungen entstanden. Helmuth Rilling reagiert darauf, indem er sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten eine eigene Fassung zusammenstellt, die unter Händel so nie erklungen ist.
Im Text heißt es dazu: "Die vorliegende Einspielung bestimmte die Auswahl der Sätze nach ihrem musikalischen Wert und nach der Frage, wie sie sich für die zur Verfügung stehenden Solisten eignen – mithin ganz so, wie Händel selbst vorgegangen wäre." Was hätte Rilling gemacht, wenn es nur eine einzige Version des "Messias" gäbe? Hätte er einzelne Arien weggelassen, weil sie Solisten nicht gepasst hätten? Und wie bestimmt man den "musikalischen Wert" einer bestimmten Arienversion?
Weitere Schwierigkeiten der Einspielung zeigen sich in Rillings Tempogestaltung: Der Chor "For unto us a child is born" gibt den ersten Hinweis: Ausgerechnet im dramaturgisch eher nebensächlichen Orchesternachspiel zieht der Dirigent das Tempo plötzlich deutlich an – ein Umstand, der bei mir Ratlosigkeit hinterließ. Weitere Brüche folgen: Das berühmte Hallelujah, ein Allegro-Satz, erklingt langweilig pompös, die darauffolgende Arie "I know that my redeemer lived" (Larghetto) überrascht durch nervöse Unruhe. Die Tempi sind somit auf den Kopf gestellt, in der Arie bleibt von Zuversicht an den lebendigen Erlöser keine Spur – was sicher auch am schweren Timbre von Sibylla Rubens liegt.
Erst am Schluss des Oratoriums (Chor "Blessing and honour") ist ein Larghetto das, was es sein soll – und zwar genauso langsam wie bei Rilling das Allegro-Hallelujah. Rillings Einfall, den ersten "Amen"-Einsatz mit den Solisten und nicht mit Chor zu besetzen, wirkt nach all diesen Brüchen gewollt.
Der Chor singt souverän, aber mitunter kalt und perfektioniert, die Solisten gestalten ihre Parts durchweg dramatisch, was aber letztlich nur bei dem ungeheuer modulationsreichen Thomas Quasthoff richtig überzeugt.

Oliver Buslau, 28.02.1998



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