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Boris Blacher

Tanz-Suite, „Poème“, „Hamlet“, „Concertante Musik“

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Johannes Kalitzke

Capriccio/Naxos C5349
(57 Min., 10/2017)

Der in China geborene Boris Blacher verstand sich Zeit seines musikalischen Lebens eher als eine Art Freigeist. Obwohl er sich kompositorisch auch mit der Zwölftonmusik auseinandersetzte und später in seiner Wahlheimat Berlin Vorlesungen über experimentelle Musik hielt, lehnte er jeden Neue Musik-Dogmatismus ab, wie er gerade in den Nachkriegsjahren in solchen Zentren wie Donaueschingen und Köln gepflegt wurde. Wie sehr Blacher lieber das komponierte, was ihm Spaß macht, verdeutlichen allein schon solche parodistischen Kompositionstitel wie „What About This, Mr. Clementi?“ oder „Variationen über einen divergierenden c-Moll-Dreiklang“. Doch der einflussreiche Kompositionslehrer u.a. von Aribert Reimann, Isang Yun und Giselher Klebe war trotz des von ihm favorisierten Spiels mit der Musikgeschichte kein Vorläufer einer (gesichts- und identitätslosen) Postmoderne. Das spiegelt auch das ihm nun von Johannes Kalitzke und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in bester werkdienlicher Transparenz gewidmete CD-Porträt wider, das Orchesterwerke aus knapp vier Jahrzehnten umfasst.
Mit dem nur vom Datum her ältesten Werk, der „Concertanten Musik“ op. 10 schaffte Blacher 1937 und damit in dunkelsten Zeiten seinen Durchbruch. Aufgeführt wurde das Werk immerhin von den Berliner Philharmonikern unter Carl Schuricht. Und wenngleich das Werk hier und da mit so manchen Jazz-Rhythmen flirtete und damit musikästhetisch so gar nicht in den Kanon der nationalsozialistischen Musikpolitik passte, konnte Blacher zunächst unbehelligt weiterarbeiten. Aus dem Jahr 1940 stammen auch seine Ballettmusik „Hamlet“ sowie die Ouvertüre zu der Oper „Fürstin Tarakanowa“, die jetzt mit weiteren Balletttänzen zu einer „Tanz-Suite“ kompiliert worden ist. Und gerade die „Hamlet“-Partitur durchläuft eine wehmütige, bis zum Bersten gespannte Stimmung, die erstaunlicherweise nicht als „systemzersetzend“ eingestuft wurde. Von 1974 stammt schließlich das von Carlo Maria Giulini in Wien uraufgeführte „Poème“, das mit seiner beklemmend-schauerlichen Lamento-Wucht vieles von dem vorausgenommen hat, an dem heute gerade estnische und georgische Komponisten in ihren hochspirituellen Orchesterbekenntnissen festhalten.

Guido Fischer, 11.08.2018



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