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Seymour Reads The Constitution!

Brad Mehldau Trio

Nonesuch/Warner 7559793443
(65 Min.)

„Als ich jünger war, bediente ich mich noch einer romantischen Sichtweise, in der Musik autonom bestand“, sagt Brad Mehldau. Nun aber frage er sich vermehrt: „Kann Musik politische Veränderungen beeinflussen?“ Seine neue Trio-Einspielung lässt in dem Titel „Seymour Reads The Constitution!“ anklingen, dass es um die Verfassung der USA unter Trump geht. Wer will, kann in dem langjährig erprobten Spiel von Mehldau, Bassist Larry Grenadier und Drummer Jeff Ballard eine gewisse neue Schärfe und Rauheit erkennen. Die Schlagzeuggeflechte wirken dichter und unübersichtlicher, ein Walzer wie das Titelstück ist kein freundlicher Schunkler mehr, sondern wirkt durch das vom Bass mitübernommene Thema etwas grantelig.
Belastbarer als die Vermutung, dass diese Schroffheit etwas mit der politischen Situation in den USA zu tun haben könnte, ist aber die Tatsache, dass Mehldau ganz klar die Erfahrungen seiner Projekte in der jüngeren Vergangenheit in die Musik auf „Seymour Reads The Constitution!“ eingespeist hat. Neben der auf den Jazz-Kontext übertragenen Rock-Energie der Duo-Einspielung „Taming The Dragon“ mit Schlagzeuger Mark Guiliana hat die Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach auf Mehldaus vor Kurzem erschienenen Album „After Bach“ unüberhörbar ihre Spuren hinterlassen.
Die beiden Stücke „Spiral“ und „Ten Tune“, in denen Mehldau mit dahinschnurrenden Arpeggien und fugenartigen Strukturprinzipien am Klavier operiert, legen davon beredtes Zeugnis ab. Vor allem Ersteres, das auch das Album eröffnet, ist eine Lektion in Sachen Energieverdichtung. Komplettiert wird „Seymour Reads The Constitution!“ mit dem für Mehldau so typischen Materialmix aus lässig-virtuos dargebotener Standardware („Almost Like Being in Love“), Archäologie (mit Elmo Hopes „De-Dah“ und Sam Rivers beschleunigter Ballade „Beatrice“ holt der Pianist noch nicht zu Tode gedudelte Werke großer Jazzindividualisten ans Tageslicht) und coolen Aneignungen von Nummern aus dem Pop-Kosmos („Friends“ der Beach Boys und Paul McCartneys „Great Day“).
Ob sich die Verhältnisse in den USA mit dieser Musik ändern lassen, ist fraglich. Sicher ist hingegen, dass Brad Mehldaus Dreierbund eine verlässliche Bank in der Spitzengruppe der Piano-Trios bleibt.

Josef Engels, 09.06.2018



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