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Johannes Brahms

Klaviersonate Nr. 1, op. 1; Sieben Fantasien op. 116; Schumann-Variationen op. 9

Jonathan Plowright

BIS/Klassik Center Kassel BISSACD-2147
(68 Min., 1/2017) SACD

Wer die berühmten Brahms-Einspielungen von Julius Katchen kennt, der wird gerade beim Frühwerk an einen wild-virtuosen Darbietungsstil gewöhnt sein, der unmittelbar jenen jungen, noch bartlosen Tastenlöwen aus Hamburg imaginieren lässt, welcher 1853 bei den Schumanns in Düsseldorf hereinschneite. Beseelt vom Geiste Beethovens scheint Brahms gewesen zu sein, als er seine erste Klaviersonate komponierte, denn es gibt deutliche motivische Bezüge zu dessen Klaviersonaten. Gleichzeitig aber zielte er mit dem zweiten Satz schon auf jenen romantischen Topos der Volkslied-Bearbeitung ab, der in seinem Werk auch eine zentrale Rolle spielen sollte. Der etwas vergrübelte Duktus, den dieser zweite Satz impliziert, scheint für Jonathan Plowright eher der Ausgangspunkt der Interpretation zu sein als der feurig dahinstürmende Tonfall der Ecksätze – in dieser Hinsicht unterscheidet er sich fundamental vom eingangs erwähnten Katchen. Auf diese Weise gelingt es ihm, auch in den Allegros immer wieder den puren Bewegungsimpuls auf ein ausdrucksstark schwärmerisches, innerlich glühendes Espressivo hin zu sublimieren – namentlich bei den Seitenthemen.
Mit den Fantasien op. 116 berührt Plowright in der vorliegenden fünften Folge seiner Brahms-Gesamteinspielung auch noch den Spätstil des Meisters; und hier entpuppt er sich vollends als Klangzauberer: Die Mikro-Motivik und die stark strukturell gedachte Technik des entwickelnden Variierens, die hier gewissermaßen als dritte Spielart der Brahmsschen Kompositionskunst (neben Sturm und Drang und Romantik) stark zu Tage tritt, gestaltet Plowright nun vom Klangreiz der Musik und von ihrer romantischen Stimmungsgeneriertheit her. Am Ende dieser spannenden Reise, die dem Hörer dieser CD geboten wird, steht Brahms als im Kern doch romantischer Komponist vor uns, der die Wildheit seiner jungen Jahre mit der Zeit in einen konstruktivistischen Minimalismus verwandelt hat, ohne dabei seine tiefe Empfindungsfähigkeit zu opfern.

Michael Wersin, 21.10.2017



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