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Tangents

Gary Peacock Trio

ECM/Universal 5741910
(53 Min., 5/2016)

Tangenten berühren den Kreis. Sie durchqueren oder durchbohren ihn nicht. Genau so musizieren der Kontrabassist Gary Peacock, der Pianist Marc Copland und der Schlagzeuger Joey Baron. Sie spielen keine Stücke, bei denen jeder Ton im Zentrum eines festgefügten Zirkels steht, sondern sie umkreisen das Herz der Stücke, stellen sich auf dessen Puls ein, setzen Ton für Ton mit sanftem Gefühl und sicherem Gespür für das absolut Notwendige. Mit wenigen Tönen umkreisen sie die Themen und kitzeln deren Essenz heraus.
Bei Alex Norths „Spartacus“ oder Miles Davis‘ „Blue In Green“ wird dieses Herangehen besonders deutlich, denn beide Stücke wurden schon tausende Mal anders – vor allem fülliger – aufgenommen. Diesem Trio jedoch genügen die Kerntöne der Melodie als Ausgangspunkt für eine Folge bezaubernder Improvisationen. Zudem verstoßen sie gegen die Konventionen eines Klaviertrios: Bei ihnen steht der Kontrabass im Zentrum, während Flügel und Schlagzeug eher unterstützend und oft auch kontrastierend zuarbeiten. Selbst wenn Copland eine Zeit lang ins Zentrum rückt, hat er neben sich nicht nur einen Begleiter am Kontrabass, sondern einen Kontrabass-Solisten, der wunderbar melodiös agiert.
Diese Umkehr der Aufgaben gilt auch für die Eigenkompositionen von Peacock, Copland und Baron. Dadurch entstehen ungewohnte, faszinierende Klangeindrücke. Die Tangenten, mit denen die drei ihre Themen umgeben, sind keine dicken, wie mit Filzstift gezogenen Linien, sondern haarfeine, filigrane Annäherungen. Nicht die Menge der hervorgebrachten Töne bestimmt die Klasse eines Trios, sondern wie sie sich zueinander verhalten. Dieses Trio führt keinen Wettlauf mit der Zeit. Es gönnt sich die Freiräume, lässt Zwischenräume. Nicht durch Einzelfeatures, sondern durch den fein gewobenen Zusammenklang entstehen elf einzigartige, luftige Stücke, deren innere Harmonie aus der Fähigkeit eines jeden resultiert, die Gedanken der Partner bereits im Entstehen zu erahnen, sorgsam aufzugreifen und liebevoll zu vollenden.

Werner Stiefele, 02.09.2017



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