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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Pierre Boulez

„Hommage à Boulez“: Dérive 2, Dialogue de l´ombre double, Le marteau sans maître u.a.

Daniel Barenboim, Pierre Boulez, Michael Barenboim, Hilary Summers, West-Eastern Divan Orchestra u.a.

DG/Universal 479 7160
(142 Min., 4/2010 & 7/2012) 2 CDs

Es war eine lange Männer- und Künstlerfreundschaft, die 1964 begonnen hatte und im Januar 2016 endete, als Pierre Boulez nach lange Krankheit im Alter von 90 Jahren verstarb. Über ein halbes Jahrhundert hatten der Komponist und Dirigent sowie der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim unzählige Male zusammengearbeitet. Aber selbst Barenboims letzte große Würdigung konnte der Freund nicht mehr miterleben. So musste die Einweihung des Boulez-Saals in der Berliner Barenboim-Said Akademie Anfang 2017 ohne den Geehrten stattfinden.
Immerhin erinnert nun unter der Federführung Barenboims eine kleine Werkschau an einen Komponisten, der sich abseits musikalischer Dogmen und Ideologien quasi mit jedem Werk neu hinterfragte. Sieht man einmal von Wolfgang Rihm ab, hat wohl kein zweiter Komponist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart sein Schaffen einer ständigen Neubelichtung unterzogen bzw. es überarbeitet und weitergedacht. Aber auch als Dirigent festigte er seinen Status als Klassiker der zeitgenössischen Musik, indem er etwa sein frühes Meisterwerk „Le marteau sans maître“ von 1955 für Alt und Ensemble vielfach auf CD aufnehmen konnte und es nicht zuletzt mit seinem Ensemble intercontemporain aufführte. Im Rahmen der „Hommage à Boulez“, die Live-Aufnahmen von Konzerten in Berlin und London bündelt, kann man nun miterleben, wie der auch bereits 86-jährige Boulez das halbe Dutzend Musiker von Barenboims West-Eastern Divan Orchestra bei dieser hochkomplexen Partitur mehr als nur fordert. Zusammen mit der Altistin Hilary Summers, die die Klangsprache von Boulez schon längst verinnerlicht hat, nehmen es die sechs jungen Musiker so ungemein verblüffend mit diesen extrem fragilen, fiebrig-hyperexpressionistischen Tonkonstellationen auf, als wäre es mit das Leichteste unter den Schwergewichten der Neuen Musik. Aber natürlich ist auch ein Daniel Barenboim absolut sattelfest, wenn es etwa um das Ensemblestück „Dérive 2“ oder das Cello-Septett „Messagesquisse“ geht. Und dass auch Sohn Michael Barenboim schon lange vom Boulez-Virus gepackt worden ist, stellt er einmal mehr in dem extrem verwinkelten, trotzdem ungemein sinnlichen Dialog zwischen Violine und Live-Elektronik unter Beweis. Das letzte Kompliment muss übrigens der Plattenfirma gelten, dass sie diese Non-Profit-Veröffentlichung nicht gescheut hat.

Guido Fischer, 24.06.2017



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