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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Patricia Kopatchinskaja

Unangepasst, unkonventionell, unheimlich gut

Sie stammt aus Moldawien. Sie ging in die Schweiz und studierte Komposition. Irgendwann aber wurde man auf ihr großes Talent als Geigerin aufmerksam. Schritt für Schritt eroberte sie sich die Musikwelt. Das Kuschelige an der Klassik aber behagt ihr nicht. Und das Angepasste schon gleich gar nicht. Jürgen Otten traf sie in Bremen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus ...

Fangen wir mit der Musik an? Oder mit dem Bild? Wir fangen mit dem Bild an. Also: Auf dem Bild sehen wir einen jungen Mann, der uns mildverschmitzt anschaut. Dieser Mann ist Fazil Say, der Pianist der extremen Emotionen. Aber in erster Linie geht es um die Frau an seiner Seite. Sie umfasst eine Geige und sieht aus wie ein Kind. Aber auch darum geht es nicht. Es geht darum, wie man sich in einem Bild täuschen kann.
Kaum hat man sich hingesetzt, die kleine silberne Scheibe in den CD-Player geschoben, deren Cover soeben beschrieben wurde, und das Adagio sostenuto genießerisch an sich vorübergleiten lassen, da wähnt man sich plötzlich inmitten eines Orkans. Der Orkan trägt den Namen Presto, ist im Original der Hauptteil des Kopfsatzes aus der »Kreutzer-Sonate« op. 47 in A-Dur und wurde von Ludwig van Beethoven in die Welt gesetzt. Ein kantiges Stück ist diese Sonate für das Klavier und die Violine, episch und virtuos, man kennt es ja zur Genüge. Doch hier ist es mehr: Es ist ein Naturereignis, gegen das sogar die Aufnahme des legendären Duos Martha Argerich und Gidon Kremer als ein laues Lüftchen bezeichnet werden muss. Und die war schon ziemlich schroff.
Man kommt kaum umhin, diese existenzielle Interpretation als eine Sensation zu bewerten. Und zwar deswegen, weil hier jede gutbürgerlich- gepflegte Kunstanschauung über den Haufen geworfen wird. Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say negieren das Postulat des Wohlklangs, sie treiben diesen Beethoven gewissermaßen an die Spitze einer imaginären heroischen Bewegung, deren einziges (und revolutionäres) Bestreben es ist, das Festgefügte aus den Angeln zu heben. Hinfort mit dem Schöngeist, heißt es hierin, und: Was zählt, ist die reine Essenz.
Einem Musikleben, das die Wohlausgewogenheit schätzt (Kunst darf unterhalten, amüsieren, nicht aber stören), setzt diese Art des direkten, spontanen, die Konventionen sprengenden Musizierens einen Stachel in den Leib. Doch, um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist kein Jota von einer Provokation darin enthalten. Es ist die ureigene Musikalität der Interpreten, wie sie hier zum Tragen kommt. Und verstehen kann man das im Falle der Geigerin Patricia Kopatchinskaja nur, wenn man weiß, dass sie aus Moldawien stammt und mit diesem Land vor allem seine (Volks-)Musik verbindet. Sie lebt dort nicht mehr, einfach weil es ein unglaublich armes Land ist. Sie lebt im behaglich-biederen Bern. Ihr Denken und Fühlen aber ist entschieden unschweizerisch. Wäre Sie Jazzerin, würde man sagen: Sie hat den Blues in sich. Da Patricia Kopatchinskaja (aber nur im weitesten Sinne des Wortes) klassische Musikerin ist, darf man sagen: Sie hat die Folklore in sich. Ihr Spiel ist geprägt von den Liedern ihrer Heimat – mehr noch: von deren metrischen Verhältnissen. Und das ist das Faszinierende an dieser Künstlerin: Sie spielt Beethoven und Ravel genau so wie ein moldawisches Lied oder wie Bartók und Enescu. Sie spielt das alles mit einer rhythmischen Verve und einem glühenden (nicht selten herb-kratzbürstigen) Ton, dass man jede Ordnung der Dinge vergisst und plötzlich zur Substanz des jeweiligen Stücks durchdringt. Und wie wundervoll ist diese Substanz im Falle der Violinsonate Enescus, die aus unerfindlichen Gründen dem Konzertbetrieb abhandengekommen war, bevor Patricia Kopatchinskaja sie wiedererweckte.
Leicht macht sie es uns damit nicht: Denn ihre Interpretationen fordern heraus. Und so spielt sie eben auch ganz und gar unkuschelig, unangepasst, unkonventionell – und unheimlich gut. Sie fordern Zuspruch ebenso wie Einspruch, Widerspruch, Anspruch. Sie fordern die ganze Wahrnehmung. Den gezielten Blick durch das Bild hindurch zum Kern der Musik. Kann man von einer Künstlerin mehr verlangen?

Neu erschienen:

Beethoven, Ravel, Bartók, Say

Violinsonaten u.a.

Patricia Kopatchinskaja, Fazıl Say

naïve/Indigo

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Jürgen Otten, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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