home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Konzert · Da Capo

Christians Feuerprobe: Puccinis „Manon Lescaut“

Dresden, Semperoper

Versteht Christian Thielemann so wenig von italienischen Stimmen? „Krawatteltenor“ verspottet die österreichische Dame den tonlos knödelnden Des Grieux (Thiago Arancam). Norma Fantini, eine primadonnige Manon, klingt für die Rolle der minderjährigen Nymphe zu altbacken und zu schrill. Die Besetzung an der Semperoper für die prominenteste Premiere der Saison – ist eine Katastrophe. Dagegen kann der wackere Christoph Pohl als Lescaut nicht viel ausrichten. Und Christian Thielemann auch nicht.
Dabei dirigiert Thielemann mit der streichelnd edelholzfarbenen Staatskapelle Dresden einen schön untypischen Puccini. Sinfonisch schmissig, doch ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Farblich ausdifferenziert, aber nicht ernüchtert. Dass er das berühmte Intermezzo an den Anfang vorzieht, zeigt, wie sehr ihn die auf ihm lastenden Erwartungen drücken. Zu oft schon war sein Schritt ins italienische Fach angekündigt, aber dann wieder verschoben worden. Die italienische ‚Feuerprobe’ besteht er umso souveräner, als er ein gewisses Fremdeln keine Sekunde leugnet.
Dagegen hat Regisseur Stefan Herheim diesmal nicht viel zu erzählen. Die Parallelisierung von Des Grieux mit dem Schöpfer der amerikanischen Freiheitsstatue (welche aus Frankreich kam) behält einen Knick in der Optik, da Herheim zugleich Rokoko-Kostüme verwendet. Hektisch werden Chor-Massen über die Bühne gejagt. Unablässig kurbelt jemand an der Drehbühne. Sogar Puccini persönlich tritt auf. Ein Verlegenheitskonzept, das nicht wirklich aufgeht. Die Kritiker-Kollegen, welche die Produktion in Graz bejubelten, waren zu großzügig.
Nur drei Aufführungen dirigiert Thielemann, bevor er für „Parsifal“ schon wieder nach Salzburg muss. Man verlässt Dresden in dem Gefühl, dass auch ein so schönes Haus wie die Semperoper – intendantenlos, wie diese zurzeit dasteht – keine sichere Bank ist. Trotz Thielemann.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Alan Gilbert

Mit Taktstock und Bratsche

Als Chefdirigent wechselt er von New York an die Elbphilharmonie. In Hamburg ist Gilbert beileibe […]
zum Artikel

Pasticcio

Musik & Gehirn

Meldungen und Meinungen aus der Musikwelt

Wie wirkt sich regelmäßiges Musizieren im Volksschulalter etwa auf das Hörvermögen und […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top