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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Dieter Ilg und sein Trio (c) Till Brönner

Dieter Ilg

Blaupausen

Was für viele Jazzmusiker den Reiz der Broadway-Melodien ausmacht, findet der Kontrabassist in Klassik-Themen.

Er ist kein Grenzgänger. Er schlägt Brücken. „Ich bin mit der klassischen Musik aufgewachsen“, erinnert sich Dieter Ilg. „Mit 16 Jahren habe ich mich entschieden, Jazzbassist zu werden.“
Als er studierte, boten die wenigsten Musikhochschulen einen Jazzstudiengang an. Die meisten der heute über 60 Jahre alten Musiker holten sich das Rüstzeug zum Jazzmusiker während oder nach dem Klassikstudium – Dieter Ilg studierte 1981 bis 1986 in Freiburg bei Wolfgang Stert klassischen Kontrabass – und vertiefte dies mit Stipendien für US-Hochschulen. Dem Trend entsprechend, besuchte Ilg 1986 und 1987 die Manhattan School of Music. Dort fiel er so positiv auf, dass ihn der amerikanische Trompeter Randy Brecker für sein Quintett engagierte – ein grandioser Start in den Beruf.
Doch auf Dauer war der amerikanische Jazz nicht Ilgs Sache. Zurück in Europa, arbeitete er eng mit dem Pianisten Wolfgang Dauner, dem Posaunisten Albert Mangelsdorff, dem Gitarristen Nguyên Lê und dem Saxofonisten Charlie Mariano zusammen, bildete eigene Bands und beteiligte sich an Projekten anderer Kollegen.
Aber noch fehlte das Eigene, das Besondere. Der erste Schritt war 1997 die Bearbeitung von Volksliedern, und der zweite 2010 die Beschäftigung mit Giuseppe Verdi. „Otello“ hieß das erste Projekt, das er auf dem eigenen Label „FullFat“ veröffentlichte. 2011 folgte mit „Otello live at Schloss Elmau“ ein Konzert-Mitschnitt auf dem Label ACT des Münchner Produzenten Siggi Loch: Der Start einer seit mehr als einem Jahrzehnt fruchtbaren Zusammenarbeit, die in den Alben „Parsifal“, „Mein Beethoven“ und „B-A-C-H“ mündete.
Anders als die Pianisten Jacques Loussier und Eugen Cicero, die in den 1960ern Johann Sebastian Bach und andere Klassiker nahe am Original zum Swingen brachten, löst sich Ilg völlig vom Notentext der Klassiker. Sein Trio nimmt sich dieselben Freiheiten wie alle Jazzmusiker. Es greift ein Thema auf und nimmt dies als Grundlage für die eigene Interpretationen. Ilg übernimmt die tragenden Melodien, formt sie eventuell auch um und arrangiert ein Head-Arrangement als Basis für die Improvisationen seines Trios, dem seit Otello der Pianist Rainer Böhm und der Schlagzeuger Patrice Héral angehören. „Jeder bringt mit seiner Persönlichkeit so viel Eigenes in die Stücke ein, dass sie mit jedem anderen Musiker anders klingen würden.“ Der im Original prägende Rhythmus von Maurice Ravels „Bolero“ gerät beispielsweise so weit in den Hintergrund, dass der Klassik-Hit bei oberflächlichem Hören kaum zu ahnen ist.
Die große Resonanz auf seine Klassik-Projekte überdeckt oft Ilgs weiteres künstlerisches Spektrum. Dabei tourt er mit dem Bassbariton Thomas Quasthoff, tritt regelmäßig im Duo mit dem Trompeter Till Brönner auf und beteiligt sich an Projekten anderer Musiker.
Warum bleibt er dem Schatz der Klassik treu? „Die Musik fasziniert mich seit ich als Dreizehnjähriger die ‚Pavane pour une infante défunte‘ zum ersten Mal gehört habe. Daran habe ich mich erinnert, und damit war der Weg zur Beschäftigung mit Ravel geebnet. Außerdem kommen Teile seiner Orchestrierungen den Voicings des Jazz recht nahe.“

Neu erschienen:

Ravel

Dieter Ilg

ACT/Edel

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Werner Stiefele, 17.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



Kommentare

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gemihaus
Das B-A-C-H - Album des Dieter Ilg-Trios ist für mich die fundierteste und zugleich freiest variierte Jazz-Adaption des Bach-Kosmos, die dem Bachschen Original adäquat puristisch neue Klangräume öffnet. Mindestens einmal monatlich musikalische Basis! Nur nebenbei, lebt Siggi Loch, der grossartige ACT-Mann nicht in Berlin-Grunewald?


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