home

N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



Startseite · Klang · Hörtest

(c) Don Hunstein/Sony Entertainment

Glenn Gould

„Tremendous, Glenn.“

Vor genau 40 Jahren erschien Glenn Goulds berühmte zweite Einspielung der „Gold­berg-Variationen“. Nun lassen sich die Aufnahmesessions nachhören.

Eigentlich war der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard eher als Grantler und weniger als Schwärmer bekannt. Einmal aber konnte er seine wahren Gefühle und seine Bewunderung speziell für einen Musiker nicht mehr unterdrücken. 1983 widmete Bernhard ihm mit „Der Untergeher“ nicht nur gleich einen ganzen Roman. Bernhards Gould-Virus brach mit einem Superlativ aus, der sogar bis dahin unantastbare Tasten-Götter wie Vladimir Horowitz ins zweite Glied rückte: „Er ist der größte Pianist aller Zeiten“. Ein Jahr nach Goulds Tod 1982 hatte Bernhard damit das ausgesprochen, was für die Gould-Gemeinde längst feststand. Für sie beherrschte schließlich kein anderer das Klavierspiel mit einer derart blendenden Brillanz bei gleichzeitig spiritueller Verinnerlichung und intellektueller Gelehrsamkeit.
Bis heute hat der menschenscheue, hypochondrisch veranlagte und mit allerlei Marotten gesegnete Jahrhundertpianist nichts an Popularität und hypnotischer Wirkung eingebüßt. Und ständig wird der Gould-Kult weiter mit Raritäten angeheizt. So etwa mit unveröffentlichten Aufnahmen aus dem riesigen Schallplattenschaffen, das Gould 1955 mit seiner legendären Aufnahme von Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“ eingeläutet hatte. Einer dieser jetzt endlich gehobenen diskografischen Schätze trug bislang die Projektnummer „2820-2“ und wurde in einem unterirdisch gelegenen Archiv unweit von Pittsburgh aufbewahrt. Hinter massiven Stahltüren lagerten da fast vierzig Jahre lang all jene Tonbänder, die Glenn Goulds zweite Studio-Beschäftigung mit den „Goldberg-Variationen“ nahezu komplett dokumentieren.
Jetzt wurden alle mitgeschnittenen Aufnahmesitzungen aus den Monaten April und Mai 1981 fein säuberlich remastered und auf CD überspielt. Dank der jetzt erstmals in einer CD-Box gebündelten Tonmitschnitte wird man Ohrenzeuge davon, wie Gould am Klavier und auch im Dialog mit seinen Produzenten ein geradezu völlig neues Werk entwickelte. Statt des auch natürlichen Drives und einer irrwitzigen Pianistik, mit der er ein Vierteljahrhundert zuvor diese barocke Variationskette angegangen war und damit einen eigenen „Sound“ prägte, der fortan als „Gouldisch“ zu erkennen war, setzte er jetzt auf die Feier der Langsamkeit. „Der Zweck von Kunst ist nicht, einen Moment des kurzen Glücksgefühls auszulösen“, lautet schon lange sein Credo. „Kunst muss zum lebenslangen Versuch werden, einen Zustand des Erstaunens und der Ruhe zu schaffen.“ Um diesen Zustand zu erreichen, nahm sich Gould so ziemlich alle Zeit der Welt. Sage und schreibe 13 Minuten länger sollte diese Neueinspielung dauern (was auch an so manchen Wiederholungen einzelner Variationen lag, auf die Gould 1955 verzichtet hatte).

Schock in Zeitlupe

Als die Einspielung 1982 (damals noch) auf Vinyl herauskam, schreckten die Gould-Fans sogleich bei der Eingangs-„Aria“ auf. Plötzlich hatte dieses liebgewonnene Stück seine lyrische Zartheit verloren. Stattdessen schien Gould sie und selbst die Triller in Slow-Motion regelrecht durchzubuchstabieren, um an ihren innersten, ernsten Kern zu gelangen. Angesichts solcher radikaler Neubelichtungen sorgte Gould ein weiteres Mal für reichlich Diskussionsstoff. Viele empfanden diese letzte Studioaufnahme Goulds angesichts ihrer bisweilen verstörenden Strenge als eine Art meditativen Schwanen- und Abschiedsgesang von dieser Welt (kurz nach Veröffentlichung verstarb Gould im Oktober 1982 im Alter von nur 50 Jahren).
Dabei ging Gould, als er die Möglichkeit bekam, die „Goldberg-Variationen“ nicht nur für den von seinem musikalischen Eckermann Bruno Monsaingeon produzierten Bach-Film aufzunehmen, sondern auch gleichzeitig für die Schallplatte, voller Tatendrang in die Sessions. Aufgenommen wurde im berühmten New Yorker 30th Street Studio, wo nahezu zeitgleich auch Miles Davis und Art Garfunkel an neuen Schallplattenprojekten arbeiteten. Ob Gould und die beiden Musikerkollegen sich dabei über den Weg gelaufen sind, verrät das über 200-seitige Buch zwar nicht, das nun die phänomenale CD-Box „The Goldberg Variations: The Complete Unreleased Recording Sessions 1981“ komplettiert. Dafür verraten auch Interviews der damals mitbeteiligten Produzenten etwas vom Geist der Interpretation und der konzentrierten sowie lockeren Arbeitsatmosphäre. Um seine Vorstellung von einem nun alle Variationen verbindenden Puls über entsprechende Tempo-Relationen umzusetzen, entpuppte sich Gould etwa wieder mal als Technik- und Aufnahmefreak. Wie sich Richard Einhorn erinnert, „spulte ein Techniker einen Kassettenrekorder, der während der Sessions lief, etwa dreißig Sekunden in die vorherige Variation zurück und spielte sie dann – ins Aufnahmestudio übertragen – ab. Glenn hörte sich das an und spielte mit. Wenn die Variation aufhörte, wurde die Einspielung stummgeschaltet, Glenn berechnete das neue Tempo in seinem Kopf und begann dann mit der Aufnahme der nächsten Variation.“
Im Laufe der Aufnahmesitzungen, die bisweilen bis weit nach Mitternacht dauerten (was dem Nachtmenschen Gould entgegenkam), lief selbstverständlich nicht alles sofort rund. Was Gould schon mal mit einem „Dammit!“ oder einem „Oh, merde“ quittierte. Doch ob es sich um eine unterschlagene Note handelte oder – wie in der Variation Nr. 5 – um einen gewünschten „Maschinengewehr-Effekt“ – der Super-Perfektionist Gould fand für dieses Work in Progress in Samuel H. Carter, Richard Einhorn und Bruno Monsaingeon die entsprechenden Ratgeber und Gesprächspartner. Was man nicht nur dank der Originaltondokumente nachhören, sondern auch anhand des Transkripts nachlesen kann. Und wenn Gould zwischendurch dann doch wieder loslegt wie die Feuerwehr, so etwa in der Variation Nr. 20, rief Monsaingeon schon mal nur kurz und knapp übers Mikro rein: „Tremendous, Glenn.“ Er hätte es aber noch kürzer ausdrücken können: „Wow!“

Neu erschienen:

Bach

The Goldberg Variations. The Complete Unreleased Recording Sessions 1981

Glenn Gould

11 CDs, Sony

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Guido Fischer, 17.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Ende eines Märchens?

Anfang des Jahres feierte das derzeit weltweit bekannteste Musikernachwuchsprojekt seinen 40. […]
zum Artikel

Gefragt

Lubomir Melnyk

Kung fu-Meister des Klaviers

Dieser Pianist ist ein wunderlicher Heiliger, ein Prophet harmonischer Klavierkünste – und […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eigentlich plante Gustav Holst eine Pianistenkarriere, eine Nervenentzündung im rechten Arm zwang ihn jedoch dazu, sich umzuorientieren. So wandte er sich der Komposition zu und begann ein Kontrapunktstudium in Oxford. Sein Kollege Ralph Vaughan Williams hatte bereits zwei Jahre in London studiert und war anschließend nach Cambridge gegangen. 1895 trafen sich schließlich beide am Londoner Royal College of Music, daraus entstand eine der dauerhaftesten Freundschaften in der britischen […] mehr


Abo

Top